Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)
veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.
Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.
Der einsame Mann
Anke Krebs
Im Krippenspiel mag meist niemand der Wirt sein, auch ein Schaf ist doof. Das steht nur rum und bewundert das Christkind. Doch wie schaut ein bewunderndes Schaf?
Richtig. Dumm wie immer. Ob der Heiland geboren wurde oder gerade ein paar Köddel ins Heu fallen. Immer dieser gleichgültige Gesichtsausdruck. Ab und zu ein „Möööh!“ aus tiefer Brust, das wars schon.
Ich bin der Wirt und vielleicht auch das Schaf. Was das heißt? Ich bin der vergessene Statist am Rande dieses Weihnachtswahnsinns, der der keine Familie hat, die für ihn Rotkraut mit Klößen und Gans zubereitet, der, der nicht den Stern auf die Spitze des Baumes setzt oder die Bescherungsglocke läutet. Nein, bedürftig bin ich nicht. Dann gäbe es zumindest eine Organisation, die für Obdachlose Pakete packt und mich zu Kartoffelsalat mit Würstchen in die festlich geschmückte Dorfgemeinschaftsanlage einlädt.
Ein Kinderchor singt dann ‚Stille Nacht‘ und ‚Oh du fröhliche‘ und alle weinen ein bisschen über ihre Großzügigkeit die ihnen plötzlich zuteilwird. Dann packen sie Geschenke aus, in denen Schals oder Mützen sind, ein bisschen Schokolade vielleicht noch. Das ganze findet natürlich am 23.12. statt, da die freiwilligen sozialen, christlichen Helfer Heiligabend dann doch lieber mit ihrer Familie verbringen möchten und sich die Bäuche zufrieden über ihre Wohltätigkeit reiben wollen, während sie dem Flötenspiel der eigenen Tochter lauschen.
Vielleicht ist es mein Pech, dass ich noch für mich sorgen kann, dass ich ein bisschen Geld habe, um mir ein warmes Zuhause leisten zu können, und dass ich nicht klug genug war schnell ein paar Kinder zu bekommen, die sich um mich kümmern.
Ich sehe oft aus dem Fenster und beobachte meine Nachbarn, die sich über Kinder, Enkel und Urenkel freuen. Sie winken ihnen schon vom Auto aus zu und haben selbstgemalte und gebastelte Staubfänger dabei. Bei Frau Kottenröder zum Beispiel kann man im Wohnzimmer kaum sitzen, überall befinden sich Plüschtiere, Zierkissen, handgeknüpfte Miniteppiche, Erinnerungsteller, Kalender mit Familienbildern und Aschenbecher mit Städtenamen aus dem Souvenirshop.
Frau Köttenröder freut sich über jedes Bild, neulich erst hängte sie sich schwer seufzend einen gelben Wachsmalstrich auf weißem Untergrund neben die Kuckucksuhr im Wohnzimmer. Sie lächelte selig und flüsterte: „Das ist von meiner Jüngsten, ganz bezaubernd. Nicht!“
Ich nicke mit offenem Mund und entschuldige mich kurze Zeit später, dass ich noch die Katze füttern muss. Ja, Elfi ist meine einzige Verbündetet, ein Streuner, der mir vor etlichen Jahren zulief. Erst wollte ich sie nicht. Doch Elfi war wohl der Meinung, meine Wohnung wäre nun das perfekte Zuhause für sie … und sie blieb.
Wieder einmal sehe ich aus dem Fenster auf die Straße und beobachte die Menschen wie sie ihre Tannenbäume nach Hause tragen. Es regnet wie immer an Weihnachten. Der Heiligabend Morgen ist für mich ein Tag wie jeder andere und doch einer, der mir Bauchweh und Kummer bereitet.
An 364 Tagen im Jahr fühle ich mich eigentlich nicht so einsam. Doch nun kriecht die Einsamkeit an mir hoch und hält sich an mir fest.
Ich schmiere mir zwei Butterbrote, gieße Kaffee in meine Lieblingstasse und gebe der miauenden Elfi eine Dose Futter.
Vor dem Fenster lasse ich mich nieder und sehe auf die Straße durchs Fenster.
Es klingelt an der Tür. Frau Kottenröder will mich wie jedes Jahr zum Heiligabend-Kaffee zu sich einladen.
„Frau Kottenröder, ich kann nicht. Ich hab schon was vor …“, lüge ich.
„Ach ja? Was denn?“ Sie legt den Kopf schief und zieht die Augenbrauen nach oben.
„Sie wissen doch … ähm … mein Neffe …!“
„So ein Quatsch, fällt sie mir ins Wort. Sie kommen! Es gibt Frankfurter Kranz, den mach ich immer selber!“ Sie lacht und klatscht in die Hände.
„Niemand sollte allein sein! Dann lernen Sie endlich meine zauberhafte Familie kennen!“
Ohne dass ich ein weiteres Widerwort hervorbringen kann, schlägt sie die Tür ins Schloss und lässt mich verdattert stehen.
Ich streiche mir das wenige graue Haar aus der Stirn und atme tief. Das hat mir gerade noch gefehlt.
Ich überlege fieberhaft nach einem Versteck oder einer Bleibe, wo ich mich verstecken könnte für die, na ja … sagen wir mal nächsten 9 Stunden.
Doch wohin geht man an Weihnachten? Allein?
Nachdem ich mein Brot gegessen und mein Bett gemacht habe, finde ich mich dank dem 30er Schnellbus in der Innenstadt bei McDonalds ein. Wohl der perfekte Ort. Warm. Unweihnachtlich. Der richtige Ort für einen Weihnachtsgrinch wie mich.
Ich bestelle mir einen kleinen Kaffee und bewundere die große Kuchenauslage. Ich lese die Kinozeitung und sehe aus dem Fenster. Die Straßen leeren sich. Die Geschäfte schließen. So – jetzt gibt es wohl auch keinen Weg mehr zurück. Ich lese das Speisenangebot hoch und runter und überlege mir, welche der Angestellten wohl den leckeren Kuchen gebacken haben könnte.
Ein paar Jugendliche und Väter ohne Kinder (wahrscheinlich als kurze Flucht vor den Familienfestlichkeiten) verirren sich in das Restaurant, um einen Cheeseburger oder einen Kaffee ‚to go‘ zu holen. Dabei tragen sie oft alberne Weihnachtsmützen und schleppen wahnsinnig viele Einkaufstüten mit sich herum. Mir schießt durch den Kopf, dass ich ja wirklich viel Geld spare jedes Jahr …
Noch nie habe ich teure Geschenke gemacht … selten auch welche bekommen. Ich bin auch nicht gut darin … im Schenken nicht und noch weniger im beschenkt werden.
Dann gegen Nachmittag wird es immer ruhiger.
Die Angestellte (es ist mittlerweile nur noch eine am Tresen) wischt lustlos über die Theke. Sie nimmt keinerlei Notiz von mir. Wie alt wird sie wohl sein? Ich denke, sie ist Anfang 30. Piercing in der Nase. Die blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, müde Augen.
Wohl ein Schulabrecherin … nichts Anständiges gelernt.
Ich kann auf eine lange Tätigkeit als Möbelschreiner zurückblicken, den Umgang mit Holz, das Leimen, Schleifen, Feilen, Polieren, Montieren und Maßnehmen war bei mir in Fleisch und Blut übergegangen. Nur ungern hatte ich mit fast 70 Jahren meine Schreinerei verkauft, gewinnbringend war es nicht, doch zum Schluss zwang mich die Gicht in meinen Fingern und die schlechter werdenden Augen zu diesem Schritt. Immerhin habe ich genug Geld, um mir diese ‚Betreute‘ Wohnung zu kaufen und einmal im Jahr zum Wandern in den Harz zu fahren.
Auf der Arbeit ging es mir gut, ich war immerhin abgelenkt von all den blöden Gedanken und der Trauer um meine Frau Ilse. Der Krebs nahm sie schon so früh … sie war keine 50 Jahre alt geworden. Stets konnte ich so nach vorn blicken, mich in die Arbeit vertiefen und alles um mich herum vergessen. Ich beobachte die Tresenkraft weiter. Ob sie wohl eine Ausbildung hat? Oder braucht man sogar eine Ausbildung für einem Schnellimbiss? Vielleicht ist sie aber auch die Chefin hier und ich irre mich völlig.
Sie blickt auf … Oh je … Ich habe sie wohl einen Moment zu lang angestarrt und nun fühlt sie sich beobachtet.
Ich nehme schnell die Zeitung hoch und merke nicht, dass die Buchstaben auf dem Kopf stehen.
„Entschuldigen Sie!“
Ein Räuspern.
„Jaa?“ Ich schaue geschäftig von meiner Zeitung ab und erkenne die Tresenkraft vor mir.
„Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Sind Sie obdachlos oder so?“, fragt sie schroff.
„Nein. Ich bin nur auf der Flucht quasi …“
Sie runzelt die Stirn und sieht mich ungläubig an. „Aha!“
„Ich hab das nicht so mit Weihnachten!“, erkläre ich knapp.
Ihr Gesicht scheint sich zu erhellen und sie lächelt milde.
„Und Sie meinen, Sie können sich hier vor dem Christkind verstecken?“, lacht sie.
„Das Christkind? Nein. Das kennt mich ohnehin nicht. Es ist wohl eher die Nachbarin!“
Sie setzt sich zu mir an den Tisch, anscheinend habe ich sie neugierig gemacht. „Haben Sie keine Familie oder so?“
„Nein.“
„Niemand? Jeder hat doch irgendwen!“
„Nein. Ich wohl nicht!
Sie legt die Hand auf meine Hände, die ich sofort wegziehe. Mitleid fand ich schon immer doof.
„Wissen Sie, ich habe eine Tochter. Die ist gerade bei meiner Schwester, nach meiner Schicht fahre ich dort hin und wir feiern Weihnachten. Mit Hamburgern und Pommes!“, sie grinst.
„Wie heißen Sie?“, will die junge Frau wissen
„Wilhelm Haber!“, antworte ich knapp.
„Wilhelm Haber, ich bin Johanna Schanze!“ Sie gibt mir förmlich die Hand und strahlt mich an.
Ich erwidere kurz den Händedruck und ziehe dann die Hand zurück.
„Wilhelm, ich darf Sie doch so nennen?“
Ich nicke stumm.
„Haben Sie nicht vielleicht Lust, mich zu begleiten?“
„Wohin“, ich schaue sie geschockt und fragend zugleich an.
„Ich hab gleich Schluss und ich würde mich freuen, wenn Sie mein Gast sein könnten. Wissen Sie, meine Tochter hat sich zu Weihnachten einen Opa gewünscht. Da meine Eltern schon früh verstorben sind und sie keinen Vater hat, weil der sich aus dem Staub gemacht hat, habe ich gedacht, es ist vielleicht ein tolles Geschenk, wenn Sie mitkommen … Sie könnten ihr vielleicht vorlesen …“
„Also was denken sie denn? Das ist ja ziemlich … eigenartig … Sie kennen mich doch gar nicht und Ihre Tochter könnte mich nicht mögen oder Angst vor mir haben! Das ist wohl keine gute Idee!“
Sie streicht sich etwas verlegen über das Haar und steht auf.
„Sie haben wohl recht, etwas dreist von mir, das von Ihnen zu verlangen. Aber ich dachte, weil ja Weihnachten ist … und wir ja quasi beide etwas davon hätten!“, erklärt sie und dreht sich zum Gehen um.
„Wie kommen Sie darauf, dass wir beide etwas davon haben?“, frage ich mürrisch. „Ich wollte nur meine Ruhe haben!“, schnaube ich ihr hinterher.
Sie dreht sich noch mal zu mir um und lächelt milde.
„Ich kann es in Ihren Augen sehen … Sie sind einsam … oft traurig und stehen sich mit Ihrem doofen Stolz nur selbst im Weg. Das Christkind findet nur einen Weg zu Ihnen in Ihr Herz, wenn Sie es auch zulassen!“
Ich schweige, lasse den Kopf sinken und die Anspannung aus meinem Körper entweichen.
Sie hat wohl recht. Mein Blick schweift ins Leere … nach draußen, es dämmert bereits.
Johanna sprach hinter dem Tresen mit ihrer Ablöse und hat schon ihre Jacke in der Hand. Ihr Blick wandert nochmals zu meinem Tisch. Dann wieder zu ihrem Gesprächspartner. Sie geben sich die Hand und sie geht zur Tür und verschwindet nach draußen in die Dämmerung.
„Halt!“, höre ich mich rufen. Eilig schnappe ich meine Jacke, reiße die Türe auf und habe da vorne in der Fußgängerzone die blonde Frau erspäht. Sie dreht sich zu mir um und kommt wieder auf mich zu. Sie lächelt wissend.
„Ich komme mit!“, rufe ich ihr zu.