Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.

 

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

Der Tränenstein

 

Norbert Leitgeb

 

„Verzieh dich! Ohne Fahrkarte kommt hier keiner durch!“, knurrte ihn der Kontrollor an. Er ließ keine Zweifel offen. Dieses Bürschchen in der abgerissenen Kleidung würde sich bei ihm nicht vorbeischwindeln. Bei ihm nicht, ganz sicher nicht! Das wäre ja noch schöner!

„Ach, bitte lassen sie mich doch zum Zug! Ich muss zu meinen Eltern, sie warten schon dringend auf mich“, bet­telte der Bub.

Das war gelogen. Natürlich war es das. Es hätte auch gar nichts genützt, wenn er gesagt hätte, dass er gar keine Eltern mehr hatte und dass es sein kleiner Bruder war, der auf ihn wartete. Auf ihn und das kümmerliche Essen, das er für ihn besorgt hatte. Aber irgendetwas musste er doch sagen, noch dazu, wo es schon so spät war.

„Wenn du zum Fahren kein Geld hast, dann geh eben zu Fuß. Das tun andere auch.

„Aber es ist doch schon so finster, und außerdem ist es so weit. Und ich komme dann ja zu spät, viel zu spät. Ach, bitte, wo heute doch Heiliger Abend ist!“

„Heiliger Abend. Heiliger Abend! Was schert mich das! Keine Fahrkarte, kein Zutritt, basta! Jetzt schau, dass du von hier wegkommst, sonst gibt es Ärger, und zwar ge­waltigen Ärger!

Der Kontrollor hatte nun seine Hand in die Hüfte ge­stemmt und wies ihn mit der anderen vom Bahnhof hinaus. Dabei blitzten seine Augen voll Empörung des Gerechten über die Anmaßung, Nachsicht üben zu sollen. Aber nicht mit ihm. Mit ihm nicht. Hier hatte er die Macht, seine kleine beschei­dene Macht. Aber die wollte er sich nicht schmälern lassen, auch heute nicht. Denn mehr noch als Milde befriedigte ihn die Macht, etwas verweigern zu kön­nen.

Mit hängenden Schultern schlurfte der Bub davon. Inzwi­schen war es finster geworden. In einigen Wohnungen schie­nen schon die Lichter am Christbaum entzündet wor­den zu sein. und kündeten von Wärme und Zufriedenheit. Doch ihm kroch die Kälte in den Nacken und ließ ihn erschauern. Nun war auch noch der Mond von den Wolken verdeckt worden und damit selbst sein silbrig-kaltes Licht erloschen.

„Das hätte ich dir gleich sagen können“, hustete ihm eine Stimme aus dem Dunkel entgegen.

„Hallo? Wer ist da?“, blickte sich der Bub suchend um. „Was willst du? Was hättest du mir gleich sagen können?“, fragte er in die Finsternis.

„Das sind eigentlich recht viele Fragen … für den Anfang“, keuchte es zurück. „Das mit dem Heiligen Abend hättest du dir sparen können. Ich kenne den Kerl nämlich. Er ist unerbittlich. Und wer ich bin? Ich bin einer, der kein Ob­dach hat. Und was ich will? Wollen tu ich nichts, gar nichts mehr – und schon gar nicht von dir.“

„Ich sehe dich ja gar nicht, wo steckst du denn?“

„Hier, unter der Treppe!“, keuchte es zurück. „Da ist es etwas geschützter. Wenn du willst, kannst du zu mir kom­men. Zu zweit haben wir es etwas wärmer!“

„Dafür habe ich jetzt keine Zeit, ich muss nach Hause!“

„Schön für dich.“

„Dass ich nach Hause muss?“

„Nein, dass du ein Zuhause hast!“

„Wieso, hast du denn keines?“

„Nun sei nicht so naiv! Glaubst du denn, ich habe mich bloß zum Spaß hierher verkrochen? Noch dazu heute, am Heili­gen Abend?“

„Aber du musst doch ein Zuhause haben. Jeder hat eines, du doch sicher auch.“

„Wenn du ein Kinderheim ein Zuhause nennen willst?“

„Ist es denn keines?“, fragte der Bub und kroch zu seinem Gesprächspartner in den Winkel.

„Ich weiß nicht. Meines jedenfalls nicht. Täglich die Be­schimpfungen, die Bestrafungen, die Schläge, … du weißt ja gar nicht, wie es da zugeht. Da bin ich noch lieber hier.“

„Aber hier kannst du doch nicht bleiben! Du bist ohnedies schon erkältet. Deine Augen glänzen ziemlich verdächtig. Hast du Fieber?“

„Wen kümmert das schon?“

„Mich kümmert es. Deshalb frage ich ja. In diesem Zustand kannst du doch nicht hierbleiben. Weißt du was, komm einfach mit mir! Bei uns ist es zwar auch nicht besonders schön, aber immerhin noch besser als hier. Wie heißt du eigentlich?“

„Christof. Glaube ich halt. Aber so hat mich schon lange keiner mehr genannt. Ich bin nur der Bengel, der Nichts­nutz, der Taugenichts.“

Fröstelnd zog er seine dünne Jacke enger an sich, und in seinem Blick lag dabei viel zuviel Kummer und Bitterkeit für seine jungen Jahre.

„Ich heiße Martin. Aber ich muss nun schauen, dass ich nach Hause komme. Mein Bruder braucht mich, der wartet sicher schon ungeduldig. Du kannst aber gerne mitkom­men, wenn du willst.“

„Na gut, danke. Ich will es versuchen“, keuchte Christof und wollte sich aufstützen, aber seine Anstrengung war ver­gebens. Kraftlos knickten ihm die Arme ein, und hus­tend brach er den Versuch ab. Kurz danach mühte er sich erneut, aber wieder sank er erschöpft zurück.

„Komm, reich mir deine Hand, ich helfe dir!“, forderte ihn Martin auf und streckte ihm seine Hand ins Dunkel ent­gegen.

„Lass mich nur etwas rasten, ehe ich es nochmals versuche. Ich bin so schrecklich müde“, keuchte Christofs Stimme aus dem Unterschlupf.

„Ich muss aber nach Hause, es ist ja schon spät. Du weißt ja, mein kleiner Bruder wartet.“

„Bleib nur noch ein bisschen. Ich muss nur noch ein klei­nes bisschen ausruhen, dann wird es schon gehen.“

Inzwischen hatten sich die Wolken verzogen. Der Mond lehn­te nun am Hausdach und schickte sein bleiches Licht zu den beiden. Still war es geworden ringsum. Selbst der Nord­wind hat seinen eisigen Atem angehalten. Nur deshalb konnte Martin überhaupt die schwachen Atemstöße hören, die so ermattet klangen, als hätten sie sich erst mühsam aus einem tiefen Keller hervorkämpfen müssen.

„Erzähl mir etwas“, rasselte Christof.

„Ich habe keine Zeit, ich muss doch nach Hause! Komm, versuchen wir es noch einmal.“

„Bleib nur noch ein bisschen, nur noch ganz kurz!“, bettel­te Christof.

„Also gut, ich erzähl dir eine Geschichte, aber dann müssen wir gehen, hörst du? Die Geschichte handelt von einem Bu­ben, der zur Krippe nach Bethlehem wollte.“

„Der Bub hatte sich in der Heiligen Nacht nämlich in der Nähe der Hirten aufgehalten und beobachtet, wie diese sich plötzlich mitten in der Nacht auf den Weg machten. Das hatte seine Neugier geweckt. Es war ja auch ungewöhnlich, dass Hirten ihre Herde verließen. Deshalb hatte er sich an sie herangeschlichen. Dabei hatte er erlauscht, dass sie zu einem Heiland wollten, um ihn zu begrüßen. Das wollte auch er sich nicht entgehen lassen. Entschlossen trottete er daher hinter ihnen her. Aber er kam nur langsam vor­wärts, weil er in der Finsternis dahinstolperte, denn er war ja arm und hatte keine Kerze und nichts, was er hätte anzünden können, damit es ihm den Weg erleuchte.“

„Erzähl weiter“, stöhnte Christof aus dem Finstern hervor und streckte Martin zitternd seine vor Fieber glühende Hand entgegen. Der ergriff sie und streichelte sie so zärt­lich, als wäre Christof sein geliebter Bruder. Dann fuhr er fort.

„Ja, aber weil es so dunkel war und er immer wieder hinfiel, kam er nicht so schnell voran. Deshalb wurde der Abstand zu den Hirten immer größer. Bald konnte er nur noch in der Ferne die schwachen, tanzenden Lichter ihrer Laternen sehen. Schließlich war ihr Vorsprung so groß, dass er sie ganz aus den Augen verlor.

Der Bub wurde immer müder. Er war hungrig. Seine Knie waren blutig geschlagen und taten ihm fürchterlich weh. Aber er konnte nicht rasten, denn er wollte ja doch auch zum Heiland, um ihn begrüßen, so wie die Hirten. Doch immer mehr verließen ihn die Kräfte, immer häufiger stolperte und immer schmerzhafter stürzte er. Schließlich konnte er gar nicht mehr weiter.“

„Ja, das kenne ich. Wahrscheinlich hatte er auch schon so lange nichts mehr zu essen bekommen, der Arme“, schnauf­te Christof, „aber erzähl doch, wie ging es weiter?“

„Na, ja, er musste wohl eingeschlafen sein. Doch nach einiger Zeit erwachte er wieder und raffte sich auf. Aber in der Zwischenzeit war es noch finsterer geworden. Vom Mond war nichts mehr zu sehen, und selbst der helle Stern, der ihm noch den Weg hätte weisen können, war schon untergegangen. Nur noch ein paar vereinzelte Sterne standen blass am Himmel, und die gaben wirklich nicht viel Licht. Im Finstern tappte er weiter dorthin, wo er die Hir­ten und den Heiland vermutete, aber immer wieder strau­chel­te und stürz­te er. Schließlich kam er kaum mehr voran. Am Schluss hatte er die Orientierung gänzlich verloren.

In der Zwischenzeit waren aber die Hirten schon im Stall angekommen und vor dem Kind niedergekniet. Weil aber das Christkind wusste, dass der Bub auf dem Weg zu ihm war und einsam und allein im Finstern herumirrte, wurde es so traurig, dass ihm eine Träne über die Wange rann und in das Stroh tropfte.“

„Dann kam also der Bub gar nicht zum Christkind?“, fragte Christof enttäuscht, ehe ihm erneut ein Hustenanfall die Stim­me raubte.

„Nein, in dieser Nacht fand er den Weg nicht mehr. Er war trotz seiner Erschöpfung noch lange herumgeirrt und schließ­­lich völlig entkräftet eingeschlafen.

Doch als er am Morgen aufwachte und seine Hand öffnete, da staunte er. Denn in ihr lag etwas! Es war ein funkelnder Stein, der aussah wie eine Träne. Und als er ihn entzückt betrachtete, hörte er plötzlich eine sanfte Stimme, die zu ihm sprach ‚es ist nicht nötig, dass du zu mir in den Stall kommst, es reicht, wenn du mir auf meinem Weg folgst! Achte auf den Tränenstein. Er soll ihn dir weisen!’

Die Träne, die das Jesuskind im Stall geweint hatte, hatte sich nämlich in den glänzenden Edelstein verwandelt, den der Bub nun in der Hand hielt.“

„Das ist …“, keuchte Christof, „eine schöne Geschichte!“

„Ja, aber weißt du was“, wurde Martin nun eifrig, „die Ge­schichte ist ja noch gar nicht zu Ende! Sie geht ja noch wei­ter.“

Mit diesen Worten begann er aufgeregt in seiner Hosen­tasche herumzukramen. Darin befanden sich ja vielerlei Sa­chen, wie sie eben in der Hosentasche eines Buben zu finden sind. Es dauerte daher eine ganze Weile, bis er in dem Krims­krams endlich gefunden zu haben schien, was er suchte. Dann erzählte er weiter.

„Die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende, denn schließlich könntest du ja fragen, warum ich denn das alles weiß!“

Aber statt zu fragen konnte Christof nur matt seinen Kopf zur Seite legen. Selbst das Atmen fiel ihm nun schwer, unendlich schwer. Aber seine fiebrig glänzenden Augen spra­chen für ihn und stellten die Frage, die seine Lippen nicht mehr hervorbrachten. Erwartungsvoll hing sein Blick an Martin.

„Der Tränenstein des Jesuskindes, musst du wissen, hatte nämlich dem Buben wirklich den Weg gewiesen. Am nächs­ten Tag fand er nämlich doch noch den Stall und den Heiland. Und als er größer war, schloss er sich dessen Jün­gern an und begleitete ihn. Der Stein aber wurde immer weitergegeben, vom Vater zum Sohn und von diesem wie­der an dessen Sohn und so weiter. Und weißt du, wer ihn heute hat? Na, was glaubst du?“

„Ich weiß es nicht“, hauchte Christof mit nun schon fast unhörbarer Stimme.

„Ich bin es. Ich habe den Tränenstein! Da, schau!“, und damit zeigte er ihm triumphierend einen durchsichtigen Stein, der nun im matten Mondlicht glänzte.

Staunend betrachtete Christof den Stein. Seine Hand, die noch immer von Martin umfasst wurde, glühte. Christof atmete matt und keuchend, aber seine Augen glänzten nun nicht mehr nur vor Fieber.

„Und weißt du, wer ihn nun bekommen soll. Na, was meinst du?“

Fragend blickten Christofs Augen ihn an. Woher sollte denn er das wissen? So einen kostbaren Stein gab man doch nicht so einfach her, den behielt man doch für seine Söhne, und deren Söhne, so wie es Martin beschrieben hatte!

„Weißt du was?“, lächelte Martin ihm nun zu. „Du! Du sollst ihn bekommen, und zwar gleich jetzt!“

Und damit drückte er den glänzenden Stein in Christofs Hand und bog dessen heiße Finger um ihn herum.

Erwartungsvoll sah Martin den fieberglühenden Christof an, und was er sah, ließ ihm selbst die Tränen aus den Augen laufen. Denn in Christofs glänzenden Augen spie­gelte sich ein so glückliches Lächeln, wie er es noch nie gesehen hatte, ein Lächeln voller Dankbarkeit, ja Glück­selig­keit.

Doch Christof war schon zu schwach, um noch etwas sagen zu können. Seine Hand umschloss den Stein wie einen kostbaren Schatz. Aber seine Kräfte verließen ihn immer mehr. Allmählich erlosch der Glanz in Christofs Au­gen. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck und sein Blick wurde starr und matt. Doch das Lächeln, das blieb auf seinen Lippen. Es war ein Lächeln, das von einem Glück zeugte, das ihm in seinem kurzen Leben nur allzu selten vergönnt gewesen war.

Besorgt kroch nun Martin zu ihm, rüttelte ihn und rief: „Christof, was ist denn mit dir? So sag doch etwas! Du darfst jetzt nicht einschlafen! Wir wollen doch zusammen nach Hause gehen. Nun komm schon, lass uns auf­bre­chen!“

Aber Christof rührte sich nicht mehr.

Er hatte sich schon auf den Weg gemacht. Aber auf einen Weg, auf den er sich nicht mehr verirren konnte, denn nun hatte er ja der Tränenstein, der ihn leiten würde – auch wenn es nur eine Glasscherbe war, die ihm Martin in die Hand gedrückt hatte.