Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)
veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.
Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.
Die Ente
Maximilian Rosar
Eine Hommage an Roald Dahl
Josefine stand summend in der Küche und setzte Kaffee auf. Während das Wasser im Kessel warm wurde, stellte sie zwei Gedecke, Butter, Marmelade, Karls Margarine und was ansonsten noch zu einem alltäglichen Frühstück gehörte hinzu. Sie machte das schon über fünfzig Jahren so, seit dem Tag an dem sie ihn geheiratet hatte.
Draußen erhellte eine fahle Wintersonne den Dezember und ließ Zweifel daran aufkommen, ob morgen Heiligabend sein würde.
Sie genoss diese Stunden am Morgen, wenn sie alleine war. Karl blieb immer bis acht liegen und rumorte dann lange im Bad herum.
Im Esszimmer stand ein Christstern in voller Blüte und aus einem Impuls heraus nahm sie die Küchenschere und schnitt einen Stern ab, um ihn in einem kleinen Väschen zwischen die Gedecke auf den Tisch in der Küche zu stellen.
Der Kessel pfiff und sie goss kochendes Wasser über das Pulver. Ein herrlicher Geruch erfüllte augenblicklich den schmalen Raum. Wenigstens das liebte sie daran. Eigentlich hätte sie lieber eine neue Maschine gehabt, die auf Knopfdruck Cappuccino oder Latte macchiato brühte, alleine schon ihrer Magenprobleme wegen, doch Karl mochte so neumodisches Zeug nicht, meckerte herum, das wäre reine Geldmache und weigerte sich, ihr hierzu das Geld zu geben.
Sie wollte heute die Ente vorbereiten, die es immer zu Weihnachten gab, und im Ofen fertigbraten, damit sie morgen mehr Zeit hätte, um alles herzurichten und heimlich mit Frank, Susi und den Kindern zu telefonieren. Sie musste sich beeilen, denn anschließend würde sie zum Friseur gehen und die restlichen Einkäufe erledigen.
Sie stieg in den Keller und erinnerte sich, wie so oft, an die beklemmende Angst, wenn ihre Mutter sie nach unten geschickt hatte, um Eingemachtes oder Kartoffeln nach oben zu holen. Ihr ganzes Leben, fünfundsiebzig Jahre, wohnte sie nun schon hier und keine Ecke war ohne Erinnerungen, ein steinernes Mausoleum ihrer Zeit auf Erden.
In der Kühltruhe schob sie eiskaltes Gemüse, dann hartgefrorenen Fisch auf Seite und griff die Ente. Eine Gans wäre für sie beide zu viel gewesen, also hatte sie eine kleine Flugente aus Polen genommen.
Sie beeilte sich zurück in der Küche zu kommen, denn Arthrose hatte mehrere Gelenke in ihren Händen erreicht und bereitete ihr große Schmerzen. Vor allem die Kälte des gefrorenen Fleischs wirkte wie ein Beschleuniger. Sie klemmte die steifen Finger unter die Achsel und wartete auf das Abklingen der Attacke. Reglos stand sie so und hing ihren Gedanken nach.
Die Aussicht, Weihnachten alleine zu feiern, machte ihr schwer zu schaffen, wie schon während der letzten acht Jahre, da Frank, Susi und die Kinder nicht zum Fest kamen. Wie immer war es Karl, der sich aufgrund seiner rüden Art mit seinem einzigen Kind überworfen hatte. Ein Streit, wie er nicht hätte sinnloser sein können, war eskaliert.
Ihre Schwiegertochter, diese so ausnehmend liebevolle Mutter, hatte glücklich berichtet, wie sehr sie sich darauf freue, wieder eine Arbeit gefunden zu haben, die sich mit dem Muttersein vereinbaren ließ, als Karl sie unterbrach und herrisch kommentierte, bei ihm könnte sie das nicht machen, niemals bekäme sie hierzu die Erlaubnis. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Sohn war seit jeher angespannt. Wie dem auch sei, Frank hatte zurück geschnauzt, er würde es eben nicht so halten wie er mit seiner Frau, die noch nicht einmal eigenes Geld, geschweige denn ein Konto hätte, was ja stimmte, und außerdem wäre seine Meinung ohnehin nicht gefragt, da sie grundsätzlich von vorgestern stammte. Er solle sich gefälligst aus seinem Leben heraushalten und vor seiner eigenen Tür kehren.
Nun, sie gingen im Streit, nachdem Karl, der aufgrund seiner Diabetes leicht zu reizen war, so gebrüllt hatte, dass Irmtraut Millen von nebenan über den Zaun geschaut hatte.
Josefine wischte sich eine Träne ab, die ihr die Wange hinunterkullerte und seufzte. Karl verbat ihr sogar mit den Kindern zu telefonieren, ganz davon zu schweigen, ihre Enkel zu sehen. Immer wieder fragte sie sich, wieso sie selbst das erduldete. Nur wenn sie bei Martin, ihrem Bruder in Treptow zu Besuch war, konnte sie mit ihrer Familie sprechen. Hier und da trafen sie sich auch dort, wobei Frank sie bekniete, den Alten zu verlassen, die Scheidung einzureichen und Karl bluten zu lassen. Doch sie durfte nicht, würde es niemals fertigbringen, sah sich an das Eheversprechen gebunden.
Die paar schönen Momente, die sie mit ihm verbracht hatte, gaben ihr die Kraft. Damals, als er ihr jeden Morgen in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit begegnete. Immer hatte er gelächelt und seine grauen Augen funkelten wie Sterne. Im siebten Himmel hatte sie geschwebt und ihn glücklich geheiratet, aber es war nur von recht kurzer Dauer gewesen und nur wenig nach Franks Geburt fingen die Bevormundungen an. Jeden Pfennig musste sie abrechnen, jeden Beleg aufheben, damit er zu kontrollieren in der Lage war, wusste, was sie ausgab, was sie tat. Eigenes Geld gab er ihr nicht. Auch den Jungen behandelte er wie eine Puppe, die zu funktionieren hatte. Nie ein gutes Wort, nur Anordnungen und Erwartungen, keine Nähe hatte er je für sein einziges Kind empfunden. Einen Tag nach dem Abitur war er schon aus dem Haus gegangen, um in Frankfurt zu studieren und nie wieder zurückzukehren. Er arbeitete hart, als Portier oder als Verkäufer, um seinen Vater nicht um mehr bitten zu müssen, als sein Kindergeld, das er nur bekam, da er androhte, es einzuklagen. Er überwies ihr heute monatlich zweihundert Euro auf ein heimliches Konto, dessen Unterlagen sie zwischen ihren Intimprodukten versteckte, einen Ort, den Karl nie durchwühlen würde. Insgesamt hatte sie sich mit ihm arrangiert und gab nach außen die gute Haus- und Ehefrau. Eigentlich war sie zufrieden, glaubte sie jedenfalls. Er sprach kaum noch mit ihr, es sei denn, es ging um Dinge, die erledigt werden mussten. Seine Krankheiten machte er mit sich selbst aus, bezog sie nie mit ein. Irgendwann hatte sie mitbekommen, dass er Medikamente für Diabetiker nahm und gefragt, ob sie anders kochen sollte, doch war er nicht auf sei eingegangen, hatte anstelle dessen harsch gemeint, sie solle sich nicht um Sachen kümmern, von denen sie nichts verstehe und die sie noch viel weniger angingen.
Das war der Morgen gewesen, an dem sie erstmals sah, wie kalt seine Augen waren. Nur Wladimir Putin konnte es diesbezüglich mit Karl aufnehmen. Eine eisblaue Iris, die vor Misstrauen, Geringschätzung und Verachtung nur so sprühte. Nun, sie hatte sich auch an diesen Blick gewöhnt und ihn nicht ihre Seele erreichen lassen. Sie umhegte ihn so, wie er es verlangte, wie es eine gute Ehefrau tat und wenn er dann manchmal lächelte oder sich bedankte, wusste sie, dass es richtig war, zu bleiben.
Die Badezimmertür sprang auf und er kam heraus. Sie stutzte. In Krawatte und Sakko kam er schon seit Jahren nicht mehr zum Frühstück, eigentlich, seitdem er in Rente war.
Er bemerkte ihren Blick. „Was guckst du so? Darf man sich nicht mal ordentlich anziehen?“
Sie überging wie immer seine Rüpelei, hoffte auf die Wirkung seiner Medikamente und schaute unter sich.
„Ich will noch zum Friseur gehen, könntest du mir siebzig Euro geben?“
Er schenkte Kaffee ein und zog die Zeitung zu sich herüber. „Nein, und die Ente da brauchst du auch nicht zu braten. Ich …“
„Aber du hast doch gesagt …“
„Das war letzte Woche, heute mag ich eben nicht. Setz dich, ich muss mit dir reden.“
Josefine erschrak, hatte er doch diesen Satz in dreiundfünfzig Jahren Ehe nie benutzt, hatte noch nie mit ihr sprechen wollen, sondern sie immer nur über seine Entscheidungen ins Bild gesetzt. Vorsichtig nahm sie auf ihrer Seite des Tischs Platz und nippte am Kamillentee.
Er schmierte sein Brot, fahrig kratzte er die Margarine darauf hin und her. „Nun ich war neulich in der Seniorenresidenz in Altglienicke. Dort ist eine Wohnung frei.“
„Aber wir haben doch unser Haus.“
„Wer redet denn von dir.“ Er schien erstaunt über ihren Einwand zu sein. „Es ist für eine Person. Ich kann eine Option unterzeichnen und werde wohl den Kaufvertrag nach Neujahr abschließen, dann ziehe ich dorthin. Nach dem Frühstück schau ich mir das Apartment an.“
„Und ich …?“
„Du bleibst hier. Ist ja der Kasten deiner Eltern, hab schon genug in diese Bude gesteckt.“
„Wie … wieso?“ Sie drohte zu ersticken und sprang auf.
Er sah sie an, eisgrau und emotionslos. „Seit zwanzig Jahren träume ich davon, dich zu verlassen. Nun, jetzt ist die Zeit gekommen. Ich kann dich nicht mehr ertragen. Dein Gesinge am Morgen, deine devote Bemutterung, gehen mir auf die Nerven, alles an dir ist mir zuwider, selbst wie du stillhältst, wenn man dich tritt. Nachher stelle ich eine Liste von den Dingen zusammen, die ich mitnehme.“
Er schlug die Zeitung auf und begann zu lesen, biss herzhaft in sein Brot und schien sie vergessen zu haben.
Josefine taumelte gegen den Küchenschrank und sah die lachenden Farben des Christsterns, dann lief sie hinaus, zwang sich die Treppe hinauf und übergab sich in die Toilette, leise, sehr leise, damit er es nicht hören konnte.
Eine Unendlichkeit später raffte sie sich auf, löste die Umklammerung der Toilettenschüssel, spülte ihren Mund und sah im Spiegel ein Gesicht, das sie schon so oft gesehen hatte, doch nie zuvor war ihr aufgefallen, wie verkniffen ihre Lippen waren, wie ängstlich ihre Augen sie ansahen. Weiße Haare, keine einziges war mehr darunter, das auch nur im Ansatz noch das dunkle Braun von früher hatte. Minutenlang forschte sie in ihren Zügen, ohne Hoffnung zu finden. Eine verwitterte Miene, die ausdrückte, was ihr wiederfahren war und was sie so erfolgreich verdrängt hatte. Irgendwann schloss sie die Lider und ihr Geist hing sich aus. Er war es gewohnt, die Realität zu verklären und ihr so ein Weitermachen zu ermöglichen, war nicht in der Lage, der Wahrheit sprichwörtlich ins Gesicht zu schauen.
Alles war so wie immer. Ihr Mantra. Sie stieg hinunter und betrat die Küche. Karl saß schweigend am Tisch und las die Zeitung, während sie um ihn herum aufräumte. Doch die Taubheit in ihren Gliedern war neu, hemmte ihr mechanisches Tun, verstärkte das unterbewusste Gefühl der Leere.
Sie nahm ihr Gedeck und stellte es in die Spülmaschine, die Karl gekauft hatte, als sie drei Wochen in Kur war und er selbst den Abwasch machen musste.
Dann die Ente. Leichte Rinnsale von Schmelzwasser flossen an ihr herab, das Fleisch hingegen war noch so hart gefroren, wie ein Stein. Sie trocknete das Tier ab und hob es. Eine Hand am Schenkel, die andere oben ein wenig in die Öffnung des Brustkorbs gesteckt reckte sie die Arme in die Luft und krachte es genau auf die Stelle, an der Karls Haare langsam dünner wurden.
Irgendwann hatte sie einmal einen Boxer gesehen, der seinen Sandsack prügelte. Der Aufprall nun klang genauso wie damals. Ein dumpfes Ploppen. Die Schwarte platzte auf wie eine reife Tomate, die man fallen gelassen hatte, und rotes Blut schoss hervor.
Er schrie nicht, warf nur seinen Kaffee um, der seine Scheißzeitung flutete, die ihm wichtiger war als jedes Gespräch. Dann sackte er vom Stuhl und wandte sich um.
Ein Strahlen umspielte ihren Mund, denn die kalten Echsenaugen zeigten irgendetwas, zu dem sie nie in der Lage zu sein schienen. Sie quollen über vor Angst.
Ihre arthritischen Hände brüllten vor Schmerz, doch von hoch über ihrem Kopf ließ sie den Eisvogel erneut heruntersausen. Ein Knacken, ein Eindellen der Schädeldecke und diese unerträglichen Augen, in die sie seit langem nicht mehr hineinschauen konnte, brachen und nahmen alles mit sich, wovor sie sich fürchtete, veränderten sich zu ausdruckslosen Teddyaugen, die nie wieder etwas sehen würden. Er kippte mit erschlaffenden Muskeln nach hinten und schlug dumpf krachend auf den Boden.
Josefine sank auf die Knie und ließ die Ente zwischen ihren Knien aus den Händen gleiten, von wo aus sie ein Stück weit über die Fliesen rutschte, um nach einer halben Derhung stillzuliegen.
Sie sah indes nur in das tote Gesicht ihres Mannes und flüsterte. „Du bist mir auch zuwider. Seit fünfzig Jahren schon.“
Plötzlich grunzte Karl und sein Brustkorb hob sich ein ganz wenig. Sie sog die Luft ein und wollte vor Schreck aufspringen, der Tote jedoch lag wieder still, die Augen grotesk aufgerissen. Die letzte Luft verließ die Lungen. Sie kicherte dünn. „Mause, mausetot.“
Ein Gefühl der Befreiung flutete ihren Körper und sie stieß kleine, spitze Schreie aus, hob die Faust in seine Richtung und beherrschte sich, um nicht weiter auf den Leichnam einzuschlagen. Erst langsam fand sie zurück in die Gegenwart und erneut traf ihr Blick auf die erstarrten Züge. Angst überkam sie. Sie wollte nicht das eben verlassene Gefängnis gegen ein anderes austauschen.
„Wegen dir gehe ich nicht hinter Gitter.“
Sie rappelte sich stöhnend, die schmerzenden Hände massierend auf und griff die Ente, um sie auf einem Teller in die Mikrowelle zu schieben. Sechshundert Watt, zehn Minuten. Den Ofen heizte sie auf zweihundert Grad vor. Dann stieg sie wieder die Treppe hinauf und ging ins Bad und zog den Stecker des Heizlüfters ab, als ihr Blick den Spiegel streifte. Welch eine Veränderung. Gerader Blick, entschlossener Mund und keine Spur von Scham. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ja, sie hatte das Richtige getan. In der Küche schloss sie das Gebläse an und stellte das Ding auf volle Leistung. Sie musste sich beeilen, war ihr doch aus unzähligen Krimis im Fernsehen klar, dass nur ein kleines Zeitfenster blieb, selbst wenn es ihr gelang, die Temperatur seines Körpers künstlich nach oben zu treiben.
Unten im Keller stand ein Paar alter Turnschuhe, von denen niemand mehr wusste, wem sie eigentlich gehörten. Weiße Tennisschuhe, deren Oberfläche grau und zerschlissen daherkam, ihr mit Gewissheit zu groß, doch sie würden ihren Zweck erfüllen. Im Esszimmer öffnete sie die Terrassentür und erschauerte vor der eiskalten Luft, die ihr entgegenschlug. Vier Tage tiefen Frosts lagen hinter Berlin und der Boden im Garten war steinhart gefroren. Sie trat, die Weste eng um die Schultern ziehend, hinaus und ging, die Beete entlang, von den Nachbarn nicht sichtbar, bis zum Törchen, an dem der Briefkasten hing. Nur eine Werbesendung steckte darin, doch das war egal. Einige Schritte auf den Gehsteig, dann auf gleichem Weg zurück.
Drinnen riss sie Schubladen auf, und durchwühlte die Schränke, schnappte Karls Briefmarkensammlung, die wertvoll sein musste, ihr jedoch nicht mehr bedeutete, als Altpapier. Im Schlafzimmer griff sie seine Uhr, die schon seinem Vater gehört hatte. Noch immer dröhnte seine Stimme in ihrem Kopf. ‚Für dreißig Jahre Treue haben die vom Erlenmeier ihm diese Uhr geschenkt. Für mich hatte das Amt nicht einmal ein Danke übrig.‘ Nur ein Zögern, schließlich wanderten auch die Eheringe, die ewig ungenutzt hier lagen, in den Sack, der alles enthielt.
„Bis dass der Tod euch scheidet.“ Sie ballte die Faust.
In der Küche war die Ente so weit aufgetaut, dass Josefine sie fertigmachen konnte. Sie salzte und pfefferte das Tier von innen und außen, dann band sie die Flügel und Schenkel mit Küchengarn zusammen. Einem Impuls folgend streute sie ein wenig Majoran hinein. Das stand zwar nicht im Rezept, aber Karl hasste das Gewürz. Sie knipste der Leiche ein Auge und kicherte wieder.
Der Vogel war relativ fett und so entfernte sie noch ein paar überflüssige Polster. In die Fettpfanne warf sie Suppengrün und eilig gewürfelte Zwiebeln und schob diese unter den Rost, auf dem der Braten wartete.
Karl war beim Sterben etwas ungeschickt gefallen und lag vor der Tür, hinter der sie das Bratenthermometer aufbewahrte. Sie zuckte mit den Schultern, dann musste es eben ohne gehen. Vorsichtig tat sie einen großen Schritt über ihn hinweg, da sie nicht in die Blutlache treten wollte, die sich um seinen Kopf gebildet hatte und bereits dunkel wurde. Ihr Fuß streifte seine rechte Hand, die willenlos dem Druck nachgab und verrutschte. Wieder trat sie danach und erneut bewegten sich die Finger, die sie manchmal so fest am Oberarm gegriffen hatten. Immer war es eine Warnung gewesen, nun still zu sein. Meistens bei Bekannten.
Zum Glück schminkte sie sich nie und nur fünf Minuten später war sie auf dem Weg, die Taschen voll mit den tausend Euro und den paar Scheinen aus seinem Portemonnaie, im Trolley die Sachen, die sie eilig zusammengeklaubt hatte.
Kristin schnitt ihr schon seit Jahren die Haare. Sie hatte zwar den Salon aus dem alten Haus hier in Britz, das im Bezirk Neukölln lag, in die Blaschko-Allee verlegt, ihr Service war aber nach wie vor perfekt.
„Hallo Frau Neumann. Wie geht es Ihnen?“
Josefine strahlte die Mittvierzigerin an, die ganz schwarz gekleidet mit toll frisierten Locken, blendend aussah.
„Ich habe mich lange nicht mehr so wohlgefühlt. Bin ich zu spät?“
Kristin sah auf die Uhr über den Frisierstühlen. „Nein, pünktlich wie stets. Genau zehn.“
Ein Umhang flatterte durch die Luft und wurde eng an den Hals gebunden.
„So wie immer?“
„Ja.“
„Zum Feiertag mal Strähnchen?“ Eine rhetorische Frage, denn sie hatte sich bisher nie die Haarfarbe verändern lassen, mochte aber das nette Geplänkel.
„Gerne ein anderes Mal, nur nicht heute, ich habe die Ente im Ofen und muss noch Lebensmittel kaufen.“
„Keine Gans?“
„Die packen Karl und ich doch gar nicht.“
„Dann wollen wir mal loslegen, damit der Vogel nicht schwarz wird.“
Kaum eine halbe Stunde später war sie wieder unterwegs. Sie war seit langem gut zu Fuß, da sie nie den Führerschein gemacht hatte. Der schwierigste Teil stand nun bevor. Langsam trat sie ans Ufer des Fennpfuhls. Der kleine Sack, den sie aus dem Trolley zog, wog schwer, denn sie hatte einen der Steine dazugesteckt, die neben der Terrasse lagen. Nun trat sie neben einen der Bäume, die das Ufer säumten, um unbeobachtet zu sein und warf den Sack, so weit es ihr möglich war, in das trübe Wasser. Ein Klatschen war zu hören, dann versank das Ding in den Tiefen. Auch die Eheringe. Sie lächelte. Sollte der Teich im Frühjahr gereinigt werden, käme alles zum Vorschein und jeder würde vermuten, dass die Diebe es mit der Angst zu tun bekommen hatten, und so ihre Beute zu entsorgen suchten.
Im Discounter am Tempelhofer Weg traf sie Annie Zimmer, mit der sie zu Schule gegangen war. Sie plauderten ein wenig, lachten ausgiebig und wünschten sich zum Abschied frohe Weihnachten.
Sie musste sich beeilen. Knödel, Rotkraut und eine Flasche Sekt lagen bereits im Wagen. In der Drogerieabteilung nahm sie nach eingehender Prüfung eine Herrenbürste mit und machte sich eilig auf den Weg zur Kasse.
Es roch gut, als sie zur Tür hereinkam. Der Duft knuspriger Ente zog in ihre Nase und ließ das Wasser im Mund zusammenlaufen, doch dafür war jetzt nicht die Zeit. Noch im Mantel ging sie in die Küche, trat einmal in die Blutlache und verteilte die klebrige Masse ein wenig auf dem Boden, öffnete das Fenster um die Hitze des Heizlüfters hinauszulassen und griff dann nach dem Telefon.
Während sie die Einseinsnull tippte, hechelte sie und war genau richtig außer Atem.
„Polizeidirektion 4 Südwest.“
„Er ist tot, liegt in der Küche und ist tot.“ Sie schluchzte.
„Beruhigen Sie sich. Wer spricht denn da?“
Der eingeübte Beruhigungston passte gut zu dem Bariton, mit dem der Beamte sprach.
„Neumann. Das ist mein Name ich … er ist tot. Das ganze Blut. Schrecklich. Kommen Sie doch endlich her.“
„Wo wohnen Sie, ich brauche Ihre Adresse.“
Josefine gab sie ihm.
„Die Kollegen sind gleich unterwegs. Berühren Sie nichts.“
Sie nahm die Bürste aus der Tüte, zog zwei identisch wirkende Haare irgendeines Mannes, der diese testweise durch den Schopf gezogen hatte, aus den Borsten und legte eine auf Karls Kleidung und die andere vor die Tür zur Terrasse, trug anschließend den Heizlüfter nach oben und übte solange im Spiegel unter der Garderobe ihre Trauermine, bis die Polizisten eintrafen. Man war nett zu der alten aufgelösten Dame und setzte sie in einen der Sessel neben der Heizung, wo sie in eine Ecke starrte, während die Maschinerie anlief.
Männer in weißen Overalls belagerten ewig ihre Küche und durchstreiften das ganze Haus, nahmen Spuren und stäubten Pulver überall dorthin, wo sie nur die Fingerspuren von ihr und Karl finden konnten.
„Frau Neumann?“
Sie schrak auf.
„Ja?“
Einer der Polizisten stand neben ihr.
„Im Ofen wird eine Gans oder Ente ziemlich dunkel. Sollen wir ihn ausschalten, bevor alles schwarz wird?“
Sie gab sich Mühe und rang um ein Lächeln. „Neunzig Grad reichen. Was mach ich bloß mit der Ente, jetzt wo er tot ist?“
Der Mann zuckte die Schultern und ging.
Sie versank in Trübsal, ruderte in Gedanken die fünfzig Jahre des Selbstbetrugs zurück. Sie begann zu weinen, angesichts der verlorenen Zeit. Fast ein halbes Jahrhundert hatte sie ihm die Treue gehalten, hatte sich an die Institution der Ehe geklammert, sich eingeredet, eines Tages würde es besser werden, um der völligen Demütigung nur zu entkommen, indem sie ihn umbrachte. Zu Anfang war Karl ein guter Ehemann gewesen, auch im Bett. Erst mit der Schwangerschaft, sie zögerte, nein, das war es nicht. Es hatte damit begonnen, dass er beim Finanzamt nicht weiter aufstieg. Jüngere zogen an ihm vorbei und er hing fest, begriff nicht, wie seine geistige Unbeweglichkeit ihn bremste, niemand diesen verbohrten Rechthaber in eine wichtige Position kommen lassen wollte. Wenn Josefine jetzt zurückschaute, erkannte sie, wie er ihr die Schuld zugeschoben hatte. Das ganze Gemaule, man würde sich an ein Haus und Berlin binden, war nur seinem Frust geschuldet. Aber er hatte nicht geredet, nie, sondern war im Geiste gegangen, von der Arbeit und auch von ihr hatte es ihn weggetrieben. Sie hingegen war geblieben, war jahrelanger Blitzableiter, hatte stillgehalten und die Augen vor der Wahrheit verschlossen. Fünfzig Jahre des Selbstbetrugs. Was war sie blind gewesen, wie dumm.
Wieder strömten Tränen über ihr Gesicht, folgten den Falten und tropften vom Kinn auf ihren Pulli.
„Entschuldigen Sie Frau Neumann. Mein Beileid. Es muss schlimm für Sie sein.“
Sie nickte. „Ja, das ist es. Über fünfzig Jahre.“
„Mein Name ist Lichthaus, ich bin von der Mordkommission. Könnten Sie mir kurz berichten, was vorgefallen ist?“
Der Kommissar ließ sich in den gegenüberliegenden Sessel fallen und stellte ein Aufnahmegerät an. Er war schätzungsweise vierzig, hatte einen aufmerksamen Blick und einen Ehering an der Hand. Hoffentlich war er glücklicher als sie es je hatte sein dürfen.
Sie trocknete ihre Tränen. „Ich habe die Ente vorbereitet, für Heiligabend, eine Gans ist für uns beide zu viel.
Der Mann nickte, sagte aber nichts.
„So um Viertel vor zehn bin ich dann los, Karl saß da am Tisch und las die Zeitung.“
„Wo sind Sie gewesen?“
„Beim Friseur. Morgen ist ja Weihnachten.“
Er fragte nach dem Namen und sie gab ihm Kirstins Adresse und auch gleich die von Annie Zimmer.
„Was ist mit Karl passiert?“
„Wir vermuten einen Raubmord. Der Restwärme seines Körpers unter Berücksichtigung der Temperatur in der Küche zufolge muss es etwa eine halbe Stunde nach ihrem Weggehen geschehen sein. Spuren führen vom Gartentor zur Terrasse und wieder dorthin zurück. Einen Fußabdruck konnten wir neben dem Körper ihres Gatten sicherstellen. Der Täter hat anscheinend ihren Mann am Tisch überrascht und niedergeschlagen. Zweimal.“
„Hat er gelitten?“ Du Heuchlerin.
„Die Kollegen von der KTU sagen wohl eher nein, Genaueres bringt dann die Autopsie. Es wird ein schwerer, harter Gegenstand gewesen sein.“
„Sie wollen ihn aufschneiden?“
„Das muss sein.“
Josefine sah an ihm vorbei zur Schrankwand und seufzte. „Wenn es denn sein muss.“
„Was können die Täter gesucht haben? Gab es besondere Wertgegenstände?“
„Nein, wir sind nicht reich. Nur …“, sie zögerte einen Augenblick, dann spielte sie die Erkenntnis, „die Briefmarken. Karl hatte wertvolle Briefmarken. Ich verstehe davon zu wenig, doch er hat immer betont, die Sammlung wäre so viel wert, wie eine Lebensversicherung.“ Sie stand auf. „Ich sehe mal nach.“
Sie ging in seiner Begleitung nach oben und tat erschrocken, angesichts des Chaos.
„Nun?“
„Sie ist weg.“
„Fehlt sonst noch etwas?“
Josefine machte sich umständlich auf die Suche, um all das zu vermissen, was im Teich lag.
Wieder zurück im Wohnzimmer stellte er noch ein paar Fragen nach Frank und der Familie, die in Skiurlaub waren, ging dann aber, als sie Kopfschmerzen bekam. Sie nahm im Bad eine Aspirin und lächelte sich in ihrem ‚Spiegel der Verwandlung‘ an.
Um zwei sammelten drei übriggebliebene Beamte die restlichen Spuren. Karl war im Zinksarg davongetragen worden und augenblicklich schien ihr die Luft reiner zu sein, ein halbes Jahrhundert Beklemmung verließ mit den Füßen zuerst das Haus.
Sie wischte, als man es ihr erlaubte, das Blut vom Boden, den größten Teil hatte einer der Männer bereits entfernt. Sie taten das nicht immer, hörte sie ihn sagen, doch bei einer alten Frau so kurz vor Weihnachten, gab es natürlich eine Ausnahme.
Als sie fertig war, öffnete sie die Tür des Ofens. Die Ente war knusprig geblieben und duftete verführerisch. Auf dem Schneidebrett, das schon ihre Mutter besessen hatte, zerlegte sie den Braten. Einfach perfekt. Karl hätte besser noch bis nach den Feiertagen gewartet. Sie hielt sich die Nase zu, damit ihr Kichern nicht nach draußen drang.
Anschließend ging sie hinauf ins Obergeschoss, wo die Beamten die letzten Handgriffe machten.
„Ich hätte da eine Bitte. Würden Sie die Ente aufessen?“
Der Angesprochene riss die Augen weit auf. „Kommt nicht in Frage.“
„Bitte“, sagte sie flehentlich. „Ich bekomme keinen Bissen davon hinunter und mein Mann, nun er stammt aus einer anderen Zeit, würde nicht wollen, dass wir das Fleisch wegwerfen. Sie tun mir einen Gefallen und hinterher können Sie dann den Rest erledigen.“
Die drei widersprachen, doch nach einer kurzen Diskussion willigten sie ein. Josephine deckte im Esszimmer den Tisch, schnitt ein wenig Brot auf, häufte das Gemüse auf eine Platte und rief die Polizisten zum Essen, die zuerst zögerlich, schließlich aber mit zunehmendem Appetit und unter viel Lob für ihre Kochkünste, zulangten. Josefine verschwand in die Küche.
Einer von ihnen, sein Namensschild wies ihn als Thorsten Brandenburger aus, murmelte zwischen den Bissen. „Muss ein verdammt dickes Ding gewesen sein, mit dem man den Mann erschlagen hat, der Schädel ist völlig eingedrückt.“
„Na dann dürfte es nicht schwer sein, das Teil zu identifizieren“, warf einer der anderen ein.
„Ja, das sehe ich auch so“, das war nun Nummer drei.
Brandenburger stieg wieder ein. „Die Nachbarschaft hat weder ein Auto gesehen noch gehört. Die waren sicherlich zu Fuß unterwegs und dann schleppt man ein schweres Tatwerkzeug nicht lange rum, sondern wirft es in ein Gebüsch oder Müllcontainer. Kommissar Lichthaus hat eine Suche bereits angeordnet.“
„Habt ihr eigentlich schon den Garten durchsucht? Am Ende ist die Mordwaffe sogar hier im Haus.“
Nummer drei lachte. „Wahrscheinlich direkt vor unserer Nase.“
Und in der Küche begann Josefine Neumann zu kichern.