Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2025)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook

eine Weihnachtsgeschichte.

 

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

 

 

Das Geschenk

Katrin Würtz

 

Die meisten alten Leute mögen Kinder.

Otto Paschenske war 92 Jahre alt und gehörte definitiv nicht dazu. Die hohen Stimmen taten ihm in den Ohren weh und die Querligkeit führte ihm seinen eigenen Gesund­heitszu­stand vor Augen. Arthritis – so lautete zumindest die Diag­nose seines Arztes. Um diesem entgegenzusteuern hatte er es sich angewöhnt, jeden Tag spazierenzugehen.

Und so machte er sich auch an diesem eisigen, windigen Dezembermorgen auf den Weg.

Mühsam schob er seinen Gehwagen in Richtung Friedhof, wo er seine geliebte Frau Ella besuchte, die vor fünf Jahren von ihm gegangen war. Auf der Hälfte des Weges stand eine alte, verwitterte Bank. Hier verweilte er stets, schonte seine schmerzenden Knie und fand ein wenig Ruhe, ehe er weiter­ging.

Mit der Ruhe schien es an diesem Morgen aber ein jähes Ende zu nehmen, denn auf seiner Bank saß ein kleines Mäd­chen mit pausbäckigem, von der Kälte rotem Gesicht und wilden, braunen Locken, die vom Kopf abstanden. Sie wipp­te und zappelte fröhlich vor sich hin, streckte ihre rechte Hand, die in einem dicken Fäustling steckte, dem alten Mann entgegen: „Guten Tag, ich heiße Marie und wer bist du?“

„Paschenske“, brummte es ihr missmutig entgegen.

„Paschenske“, erwiderte das kleine Mädchen. „Und wie noch?“

„Was gehts dich …“, er überlegte: „Otto.“

Das Mädchen lachte: „Fein, Otto, dann können wir ja jetzt Freunde sein. Willst du mein Freund sein? Ich schaue mir die Vögel an und füttere sie. Willst du mitfüttern?“ Sie hielt ihm eine Tüte mit Brotkrumen hin.

„Nein“, kam die unwirsche Antwort.

„Na, macht nix“, erwiderte das kleine Mädchen: „Dann schaust du halt nur zu.“ Und sie lachte dabei laut und herz­haft.

Nach etwa einer halben Stunde, in der sie unentwegt ge­plappert hatte und die Otto vorkam wie eine Ewigkeit, sprang sie von der Bank auf, hüpfte den Weg hinunter und rief: „Tschüss Otto, bis morgen dann.“

‚Bitte nicht‘, dachte Otto. Sein Tag war ihm verdorben.

Was machte er nun morgen? Sollte er denselben Weg gehen oder doch einen anderen wählen, um so wieder Ruhe zu haben? Nein, entschied er. Wegen so einer Göre würde er doch nicht seine Gewohnheiten ändern.

Und so ging er am nächsten Tag wieder zu der Bank, wo das kleine Mädchen schon saß und auf ihn wartete: „Hallo Otto“, rief sie, als sie ihn erblickte. „Ich hab mich schon so auf dich gefreut, komm und füttere die Vögel mit mir. Hast du eigentlich eine Frau? Hast du Kinder? Wie alt bist du? Wo wohnst du?“ Das kleine Mündchen wollte gar nicht still stehen.

Dieses Kind, so dachte Otto, war eine wahre Nervensäge - ein Plagegeist.

„O.k., damit du Ruhe gibst: Ich bin 92 Jahre alt, ich hatte eine wundervolle Frau ‚Ella‘, die ist aber schon lange tot und Kinder mag ich nicht. War’s das?“

„Hmm“, das Mädchen schien zu überlegen: „Das mit deiner Frau tut mir sehr leid, aber jetzt hast du mich. Ich muss jetzt auch nach Hause, also bis morgen dann“, rief sie und lief davon.

Das kleine Mädchen kam nun jeden Tag, plauderte mit Otto und leistete ihm Gesellschaft. Und nach einiger Zeit merkte Otto, dass er sich schon so an sie gewöhnt hatte, dass er ganz traurig wurde, als er sie eines Morgens nicht auf der Bank sitzen sah. Er nahm Platz und wartete.

Nach kurzer Zeit kam sie. Nicht hüpfend wie sonst, son­dern langsam. Ihre Hände hielt sie gefaltet, als ob sie darin etwas verbarg.

„Was hast du da?“, fragte Otto.

Das kleine Mädchen öffnete seine Hände einen Spalt und ließ Otto sehen: „Es ist eine verletzte Amsel“, sagte sie. „Sie kann nicht mehr fliegen“ und dabei stiegen ihr Tränen in die Augen. „Kannst du sie wieder gesund machen? Und das bitte bis zum Heiligabend, denn die Amsel soll es doch auch schön haben zu Weihnachten.“

Otto nahm seinen Schal ab, griff vorsichtig nach der Amsel und wickelte sie darin ein. Dann verbarg er sie schützend in seiner Jacke. „Hör zu“, wandte er sich an Marie: „Ich neh­me sie jetzt mit nach Hause und werde sie pflegen. Sollte es mir gelingen, dass sie wieder gesund wird, treffen wir uns hier am Heiligabend wieder. Dann lassen wir sie frei.“

„Oh bitte“, hauchte Marie: „Dann will ich Weihnachten auf Euch warten.“

Und so nahm Otto die Amsel mit nach Hause. Jeden Tag fütterte er sie, versorgte ihren Flügel und erzählte ihr von seiner geliebten Frau Ella, die er immer noch sehr ver­misste. Und der Vogel sah ihn mit seinen Knopfäuglein an und schien zu verstehen.

 

Noch drei Wochen bis Heiligabend.

Am 24.12., es setzte gerade leichter Schneeregen ein, nahm Otto einen Pappkarton, den er weich ausgepolstert hatte und setzte die Amsel vorsichtig hinein. Der Flügel war ge­heilt und die Vogeldame wieder gesund.

So schob er seinen Gehwagen in Richtung dem verein­barten Treffpunkt, wo Marie schon auf ihn wartete: „Ich wusste, du kommt, du hast sie wieder gesund gemacht. Ich wusste, du schaffst es.“ Und ehe Otto sich versah, war sie schon auf­gesprungen, hatte ihre kleinen Ärmchen um sei­nen Hals geschlungen und ihn fest an sich gedrückt. „Ich hab dich lieb“, flüsterte sie.

Otto merkte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen: „Na, na“, murmelte er. „So schwer war das doch nicht. Komm, wir lassen sie nun frei.“

„Warte“, sagte das kleine Mädchen: „Bevor du sie freilässt, muss sie noch einen Namen erhalten. Damit wir nach ihr rufen können, wenn sie davonfliegt. Ich weiß auch schon einen: Ich werde sie ‚Ella‘ nennen, denn sie ist genauso bezaubernd, wie du immer von deiner Frau erzählst. Bist du damit einverstanden?“

Otto betrachtete das kleine Mädchen liebevoll. So soll es sein. Er öffnete den Karton und ‚Ella‘ flog davon, landete auf dem nächsten Baum und begann ihr schönstes Lied für Otto und Marie zu singen, als ob sie sich bedanken wolle.

Otto legte seinen Arm um Marie und gemeinsam lauschten sie andächtig dem Vogelgesang.

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Ottos Gesicht. Lange hatte er sich nicht mehr so wohlgefühlt.

Damit hatte das kleine Mädchen etwas Einzigartiges ge­schafft: Sie hatte den alten Mann in tiefster Seele berührt, sodass er sein Herz geöffnet hatte und wieder Freude emp­finden konnte.

Und war dies nicht das schönste Geschenk was man einem Menschen machen kann? Und das nicht nur zu Weih­nach­ten.