Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook

eine Weihnachtsgeschichte.

 

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

Emils Hütte

 

Gabriela Wendt

 

Dezember

Die Sonne war schon vor Stunden untergegangen, die Welt versank in einem Dunst aus Grau und Schwarz.

Emil stand am Fenster und schaute nach draußen. Hier, in seiner Hütte am Wald, lebte er nun schon seit vierzig Jahren. Einundreißig davon verbrachte er glücklich mit seiner Frau Gerda, die letzten neun war er allein gewesen. Emil seufzte, als sich sein Blick in den fernen Baumwipfeln verlor.

Gerda. Sie war sein Leben gewesen, sein Sinn und seine Freude. Seit sie nicht mehr lebte, schien ihm die Welt trist und farblos. Die Weihnachtszeit war immer ihre Zeit ge­wesen. Sie blühte zusehends auf, sobald der erste Advent nahte, wenn sie den Kranz hervorholen und neu dekorieren konnte, wenn der erste Schnee fiel. Doch ohne Gerda bedeutete Emil das Weihnachtsfest einfach nichts mehr.

Es würde bald schneien, stellte er fest, während er den wolkenverhangenen Nachthimmel betrachtete.

Emil wandte sich mit einem Ruck vom Fenster ab.

Das Feuer im Kamin war halb erloschen, sodass er sich anziehen und in die alte Hütte gegenüber des Innenhofes gehen musste, um neues Feuerholz zu holen. Der nötige Vorrat war bereits im Sommer angelegt worden, sodass das Holz in aller Ruhe trocknen konnte.

Er zog sich seine Winterjacke über, schlüpfte in die Gum­mistiefel und trat vor die Tür.

Die Abendluft war kalt, kleine Atemwolken bildeten sich vor seinem Mund. Emil schlug die Hände gegeneinander, damit sie warm blieben, als er in schnellen Schritten über den kleinen Hof ging. Merkwürdig, dachte er, als er bei der Holz­hütte ankam. Die Tür hätte eigentlich geschlossen sein müs­sen. Er schloss immer die Tür. Auch dieses Mal, da war er sich sicher. Vorsichtig trat er näher, und sah sich dabei nach etwas um, das er als Waffe nutzen konnte, fand aber nichts. In diesen einsamen Wäldern wusste man nie, was einen erwartete. In die Ecke getriebene Waschbären konn­ten ziem­lich giftig werden, auch den ein oder anderen Land­streicher hatte er schon von weitem gesehen und war froh, dass ihn bislang niemand mit seiner unerwünschten Anwesenheit behelligt hatte.

Mit der Fußspitze schob er langsam die Tür zur Holzhütte auf, gefasst darauf, gleich einem wildgewordenen Tier ge­genüber zu stehen. Lange Schatten wanden sich im Inneren der Hütte, doch zu sehen war – nichts.

Emil atmete beruhigt aus, sein Herz klopfte in einem un­steten Takt in seiner Brust. ‚Womöglich werde ich ein­fach senil‘, dachte er, ‚alt und vergesslich‘. Er packte sich einige Holzscheite auf den Arm und ging zurück zu seinem Haus. Was er nicht sah, war das Augenpaar, das ihm aus dem hintersten Winkel der Holzhütte hinterher blickte.

 

Dezember

Der Tag begann mit einem schneidend kalten Wind, der Emil trotz der fest verschlossenen Fensterläden frösteln ließ. Er schob die dicke Steppdecke von sich, und stand mit eini­gem Ächzen und Stöhnen auf. Das schlechte Wetter machte seinen Knochen immer mehr zu schaffen.

Nachdem er in die Küche gewankt war, ließ er sich schwer­fällig auf einen Stuhl sinken. Er seufzte.

‚Kaffee wäre jetzt genau das richtige‘, dachte er. Aber der Kaffee war ihm schon vor einigen Tagen ausgegangen, der Gang runter in das nächste Dorf war eine Anstrengung, vor der er sich scheute. ‚Vielleicht nach Weihnachten‘, dachte er und zuckte mit den Schultern. ‚Interessiert doch keinen, ob ich Kaffee habe, oder nicht. Tee ist sowieso gesünder, das hat Gerda auch immer gesagt‘. Er lächelte beim Gedanken an seine Frau, wie sie ihn immer wieder tadelnd ansah, wenn er zu seiner nächsten Tasse Kaffee griff. „Dein Herz wird kollabieren, so viel sei dir gesagt. Du wirst über­schnappen und ich stehe dann da. Ohne dich. Willst du das etwa, Emil? Willst du das wirklich?“ Dabei hatte sie immer mit ihren Fingern in der Luft rumgewedelt und ihr vor­wurfsvollstes Gesicht aufgelegt. Dass sie nicht lange böse auf ihn sein konnte, wussten sie beide, und noch während Emil den Dampf von seiner Kaffeetasse blies, lachten sie schon wieder zusammen.

Er stellte einen Topf auf den Herd, brachte das Wasser darin zum Brodeln und langte nach der Teedose, die Gerda und er von einem ihrer seltenen Ausflüge ans Meer mitge­bracht hatten. Als er sie öffnete, entströmte ihr noch immer der Duft der Teemischung, Zimt, Anis und ein Hauch von Oran­genschalen. Doch bis auf einige wenige Krümel war die Dose leer. „Was soll’s“, knurrte Emil und ließ die Über­reste einer glücklicheren Zeit in das kochende Wasser fal­len.

Später nahm er wieder seinen Platz am Fenster ein. Es hatte tatsächlich angefangen zu schneien im Laufe des Tages. Zuerst waren die Flocken klein und wild gewesen, stürmten von oben nach unten, von links nach rechts und wieder hinauf zum Himmel. Doch mit der Zeit wurden sie ruhiger, fanden sich zu größeren Flocken zusammen und verwan­delten den Wald und die Berge rund um Emils Hütte in eine weiße Winterlandschaft.

Hier am Fenster stand er stundenlang, eine Hand hielt sich an dem rot karierten Vorhang fest, die andere ballte sich abwechselnd zur Faust und ließ wieder locker. So verliefen alle Tage nun während der längsten neun Jahre seines Le­bens schon und es war einfach kein Ende abzusehen. Wenn er doch nur endlich dieses einsame Leben hinter sich lassen könnte, dachte er immer wieder. Jeden Tag dieselbe Leier, jeden Tag dieselbe Qual. Er vermisste seine Frau, seine Ger­da, er vermisste sein Leben wie es war, bevor sie ihm ge­nommen wurde, bevor er von seinem Kummer zer­fressen, biestig und eigenbrötlerisch wurde. Früher hatten sie Freun­de gehabt, gute Menschen, mit denen man sich die gespens­tischen Abende in den Bergen mit viel Gesang und Freude vertreiben konnte. Heute mieden ihn die Dörfler, sahen ihn mit einer Mischung aus Mitleid und Furcht an. Emil zitterte. Das Feuer im Kamin war weit herunter­gebrannt, es wurde Zeit für Nachschub. Also zog er sich an und ging wieder hi­naus zur Holzhütte.

Die Spuren im Schnee fielen ihm erst auf, als er schon bei­nahe selbst hineingetreten war. Verdutzt blieb er stehen, betrachtete sie und rieb sich dabei über das bärtige Kinn. Die Spuren waren klein, verglichen mit denen, die er selbst im frischen Schnee hinterließ. Nur halb so groß, wenn über­haupt. Von einem Tier konnten sie jedoch nicht stam­men, dafür waren sie zu länglich und außerdem fehlten eindeutig die abgegrenzten Zehen. Damit schieden Wasch­bären aus, selbst wenn sie noch so groß wären. Land­strei­cher allerdings auch, denn die hätten entschieden größere Schuhabdrücke hinterlassen müssen.

Emil runzelte die Stirn. Aber wer war hier vorbeige­kommen? Mit den Augen folgte er der Spur, bis ihm klar wurde, wohin sie führte: In die Holzhütte.

‚Na warte, wer immer du auch bist, dir werd ich beikom­men!‘, dachte Emil und lief schneller. Mit einem Ruck riss er die Tür auf, die unter lautem Protest aufsprang.

Im Inneren der kleinen Hütte war es finster wie immer und Emil wünschte, er hätte wenigstens eine Taschenlampe da­bei. „Zeig dich, wer immer du auch bist!“, rief er in die Dun­kelheit hinein. Sein Atem ging stoßweise, die plötzliche Auf­regung war nicht gut für sein Herz.

Stille antwortete ihm, doch er spürte die Anwesenheit von etwas anderem, jemand anderem.

„Zeig dich, hab ich gesagt“, knurrte er grimmig und stapfte tiefer in die Hütte hinein. Der Holzstapel in der hinteren Ecke fiel ihm ins Auge. Warum hatte er da nicht gleich nach­gesehen? Mit einem großen Schritt war er da und warf den Stapel mit einer einzigen fahrigen Bewegung um. Sie polter­ten auf den Boden, große und kleine Scheite, und eine undurchdringliche Staubwolke erhob sich. Emils Nase ver­krampfte sich bereits, als ein leises Niesen unter den Holzstücken zu hören war.

„Aha, hab ich dich!“, rief Emil und griff in die staubige Schicht. Seine Finger spürten rauen Stoff und zogen daran. Ein seltsamer Laut war zu hören, dann ein Stöhnen, und schließlich hatte Emil ein kleines Kind aus dem Schutt ge­zogen. Ein Mädchen mit langen, aschblonden Haaren, zu­sammengezogenen Augenbrauen und einem gekräuselten, missbilligenden Mund stand vor ihm und sah trotzig zu ihm auf. Schon musste sie wieder niesen, während noch mehr Staub und Dreck um sie herum aufstieg.

„Du bist ja nur ein Mädchen!“, sagte Emil überrascht.

Sie blickte ihn bloß an. Er zog sie in die Mitte des Raumes und betrachtete sie eingehend. Mager war sie, klein und in zerlumpter Kleidung, aber von einer unverkennbaren inne­ren Stärke, die ihre Augen ausstrahlten.

„Wer bist du?“, fragte er sie und versuchte, seiner Stimme die Härte zu nehmen.

Doch das Mädchen sah ihn nur weiterhin an, hob die Schul­tern und sagte nichts.

„Du hast bestimmt Hunger“, meinte Emil nach einer Weile, griff sich verlegen an die Stirn und fragte sich, woher dieses Mädchen kam und was er mit ihr anfangen sollte. „Na, komm erst mal mit rein ins Haus, vielleicht hab ich noch was Genießbares für dich da. Was essen kleine Mäd­chen denn gern?“

Emil verfiel in unsicheres Plappern, während er die Kleine nach draußen bugsierte. Er sah sich um, doch außer ihren Fußspuren waren weit und breit keine anderen zu sehen.

 

Dezember

Er hatte dem Mädchen eine bescheidene Mahlzeit zusam­mengestellt, hartes Brot mit etwas Butter und einer Scheibe Käse. Sie hatte es mit einem Heißhunger hinuntergeschlun­gen, sodass Emil annehmen musste, dass das letzte Essen schon länger her war. Gesprochen hatte sie kein Wort mit ihm, nur genickt oder mit dem Kopf geschüttelt, wenn er ihr Fragen stellte. Woher kommst du? Schweigen. Wie hast du zu mir gefunden? Ratlose Blicke, den Mund unwillig ver­zogen. Nun, wer auch immer sie war, sie war nun einmal da und er konnte sie nicht in dieser eisigen Kälte wieder nach draußen schicken. Also ließ er sie in seinem Bett schlafen und legte sich selbst auf das unbequeme Sofa im Wohn­zimmer. Unruhig wälzte er sich hin und her und lauschte auf die Atemgeräusche, die aus dem geöffneten Schlafzimmer kamen.

‚Seltsam, dieses kleine Mädchen. So kurz vor Weihnachten und ganz allein‘, dachte Emil. Gerda und er hatten nie Kin­der bekommen, so sehr sie sich das auch gewünscht hatten. Emil hatte keine Ahnung, wie man mit einem klei­nen Mäd­chen, das vielleicht acht oder neun Jahre alt sein mochte, umgehen sollte. Was würden die Dörfler dazu sagen, dachte er und drehte sich wieder um. Der alte Mann und so ein junges Kind, das gehört sich doch nicht! Aber so sehr ihn die Anwesenheit des Mädchens auch irritierte, er hoffte doch, dass sie am nächsten Tag nicht verschwunden, dass sie keine Einbildung seines einsamen Geistes war.

Am Morgen des Weihnachtstages weckte ihn das quiet­schende Geräusch seiner durchgelegenen Matratze. Emil erhob sich ebenfalls und sah dem Kind bald verwundert dabei zu, wie sie einige Holzscheite nahm und sie ordent­lich zu einem kleinen Haufen im Kamin zusammenlegte. Als das Feuer brannte, sah sie ihn mit großen Augen an, und Emil durchlief ein leichter Schauer.

Natürlich war das unmöglich, aber jetzt, im Licht der frühen Sonne, sah sie seiner Gerda auf unheimliche Weise ähnlich. Es war nicht die Farbe der Augen, aber den fragen­den Blick, den die Kleine soeben auflegte, den kannte er gut. So hatte ihn Gerda immer angesehen, wenn er zu viel Zeit damit vertrödelte, endlich richtig aufzuwachen. Wäh­rend sie beim ersten Sonnenstrahl bereits aufstand, brauch­te er immer ein Weilchen länger, um in den Alltagstrott zu finden.

„Gerda?“, fragte Emil, wohlwissend, dass das da vor ihm nun wirklich nicht seine Frau sein konnte.

Ihr Mundwinkel zuckte, dann schüttelte sie den Kopf.

Emil entwich ein trauriger Laut, dann schüttelte er ebenfalls den Kopf über sich selbst. „Seniler alter Trottel“, murmelte er halblaut. „Sei doch nicht so dumm!“

Das Mädchen setzte ungefragt einen Topf mit heißem Was­ser auf und sah ihn dann schweigend an, bis Emil begriff, was sie von ihm erwartete. Ich hab leider keinen Tee mehr im Haus, sagte er dann und runzelte die Stirn, verblüfft über das Bedauern, dass er bei diesen Worten verspürte. Das Mädchen zuckte mit den Schultern und lächelte dabei leicht. Die Augenbrauen wölbten sich und der Mund öff­nete sich zu einem leisen Kichern.

Draußen vor dem Fenster begannen erneut Schneeflocken zu tanzen, sie legten der Welt ein leichtes Schultertuch aus Zuckerwatte über, wie seine Mutter immer gesagt hatte. Das Mädchen goss das heiße Wasser in zwei Tassen, und gab eine davon Emil. Er schämte sich ein wenig, dass er ihr nichts Besseres bieten konnte als heißes Wasser und altes Brot. Sie schien seine Gedanken erraten zu haben, denn sie warf ihm einen tröstlichen Blick zu, bevor sie sich der Fensterscheibe näherte und nach draußen spähte.

Er stellte sich neben sie, der Dampf, der aus den Tassen nach oben stieg, ließ das Glas beschlagen.

„Fröhliche Weihnachten“, sagte Emil zu dem stummen Mäd­chen, zu Gerda, und zu sich selbst.

Eine kleine Kinderhand fand den Weg in seine und drückte sie fest. Er drehte den Kopf zu ihr, betrachtete sie für einen Moment und dann lächelte er. „Ja, frohe Weihnachten, ganz egal wer du bist und woher du auch kommst.“

 

Dezember

Sie stand nun schon seit zehn Minuten in der Kälte vor der Hütte tief im Wald. Hanna klopfte ein letztes Mal, in der Hand hielt sie einen Weidenkorb mit übriggebliebenen Nasche­reien für Emil. Der alte Mann lebte seit Jahren allein und zurückgezogen hier draußen, da wollte sie ihm wenigs­tens eine kleine Freude vorbeibringen. Schließlich war doch Weihnachten!

Sie ging ums Haus herum und spähte auf der anderen Seite durch eines der niedrigen Fenster ins Wohnzimmer. Ein Schrei entfuhr ihr, als sie die zusammengesunkene Figur unter dem Fensterbrett liegen sah. Emil. Als man die Tür seiner Hütte aufbrach, war er schon seit einigen Stunden tot. Auf dem Tisch in der Küche standen zwei Tassen, eine war leer, die andere bis zum Rand gefüllt mit kaltem Was­ser.