Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.

 

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

Duft nach Lebkuchen und einer Orangen-Zimt-Kerze

 

Celine Schmied

 

Im Alter fällt es schwer, Erlebnisse einzuordnen. Sie ver­schwimmen zu einer einzigen, nicht genau nachvollzieh­baren Vergangenheit. Zwar kann man einzelne Situationen an bestimmten Daten festmachen, so werden alle weih­nacht­lichen Erinnerungen im Dezember passiert sein, doch mit jedem vergangenen Fest ist es trotz dieser Anhalts­punkte nicht möglich, genauere Aussagen über jedes ein­zelne Weih­nachtsfest zu treffen. Umso erstaunlicher ist es, dass manche Ereignisse auch nach langer Zeit beinahe detailgetreu in Erinnerung bleiben, dass manche Ereignisse sich für immer einprägen, selbst wenn der genaue Zeit­punkt nur noch schwer auszumachen ist. An welche Erleb­nisse man sich ein Leben lang auf diese intensive Weise erinnern wird, kann man sich wohl kaum aussuchen. Doch ich muss gestehen, ich bin mit meiner Erinnerung mehr als zufrieden.

Ich habe meinen zwölften oder vielleicht dreizehnten Ge­burtstag gefeiert, der nur wenige Tage vor Weihnachten ist. Zum ersten Mal habe ich von meiner Mutter die Erlaubnis bekommen, meine Freundinnen einzuladen. Viele von ihnen haben unsere aufwendige Dekoration, die größten­teils aus Papierschneesternen, frischen Tannenzweigen und selbstge­gossenen Kerzen bestanden hat, bewundert. Ich selbst habe ein Kleid mit einer weißen Schürze getragen, auf welche meine Mutter in rosaroten Farben eine Blume gestickt hatte. Das Kleidungsstück ist das schönste und ver­mutlich auch kostbarste gewesen, welches ich zum dama­ligen Zeitpunkt besessen habe, und weil ich so stolz darauf gewesen bin, habe ich mich gleich dreimal vor meinen Gästen im Kreis gedreht. Mit dem wenigen Geld, das wir besessen haben, hatte meine Mutter eine Torte gekauft und da mir bewusst gewesen ist, wie knapp wir bei Kasse waren, hat mir das umso mehr bedeutet. Erst spät am Abend haben meine Gäste lachend unsere Wohnung verlassen und etwas Stille ist eingekehrt. Mein Vater hat daraufhin sein altes, abgegriffenes Liederbuch hervorgeholt und die ganze Familie hat am großen Tisch platzgenommen. Wie es an meinen Geburts­tagen üblich gewesen war, haben wir dann im Schein einer Kerze, die nach Orangen und Zimt geduf­tet hat, einige besinnlichen Weihnachtslieder gesungen.

Bevor ich schließlich zu Bett gegangen bin, habe ich noch einmal dankend zu meiner Mutter aufgesehen und ihr er­klärt, dass sie mir den besten Tag in meinem Leben be­schert habe. Doch anstatt mir zuzustimmen, hat sie sich zu mir herabgebeugt, da sie ein gutes Stück größer als ich gewesen ist, hat mir sanft über die Wange gestrichen und erklärt: „Sag so etwas nicht, Liebstes. Der beste Tag in deinem Leben ist lange noch nicht gekommen.“ Mit diesen Worten habe ich nicht gerechnet und meine Mutter hat meine Verwirrtheit vermutlich auch bemerkt. In ihren Augen ist ein ernster Aus­druck gelegen, doch ihre Lippen hat ein Lächeln umspielt.

Etwas zögernd habe ich gefragt: „Woher werde ich dann wissen, wann der beste Tag in meinem Leben geschehen ist?“

Bei diesen Worten hat das Lächeln meiner Mutter auch ihre Augen erreicht, sie hat mir mit ihrer etwas rauen Hand ein zweites Mal über die Wange gestrichen und leise, beinahe flüsternd festgestellt: „Du wirst es wissen.“

Seither habe ich viele schöne Erlebnisse, Geburtstage und Weihnachtsfeste hinter mir, sie alle sind inzwischen zu einer einzigen, nicht genau nachvollziehbaren Vergangenheit ver­schwommen. Bis auf jenes Ereignis, welches ich beinahe deutlich vor mir sehe, wenn ich daran denke.

Weshalb ich mich genau in diesem Moment daran erinnere, hinterfrage ich nicht weiter. Vermutlich liegt es aber an Levi, der nun wahrscheinlich ungefähr im selben Alter ist, als ich es damals gewesen bin und welcher gerade vor dem Christ­baum kniet. Seine Augen strahlen voller Vorfreude und erfüllen auch mich mit Glück. Dumpf höre ich, wie jemand neben mich tritt und die Stimme erhebt. Nur lang­sam drehe ich meinen Kopf zur linken Seite und wende meine müden, trüben Augen auf meine Tochter, die mich freundlich an­lächelt und mir ein kleines Paket entgegenhält. An ihrem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass sie sich be­wusst ist, dass ich kein Wort von ihrem Gesprochenen verstanden habe, doch sie scheint nicht wütend zu sein, sondern deutet mir mit einem leichten Kopfnicken, dass ich das Geschenk öffnen soll. Sanft streiche ich über ihre Hand und greife dann vorsichtig nach dem Paket.

Meine Hände zittern, während ich die Schleife öffne und ich warte zweimal, bevor ich mit meiner Arbeit fortsetze. Geduldig steht meine Tochter neben mir. Sie lächelt freund­lich und aufmunternd, in ihren Augen ist nicht ein­mal ein Hauch von Eile zu erkennen, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Es dauert eine Weile bis ich schließlich ein kleines Foto­album in einem braunen Ledereinband aus dem Papier hebe. Automatisch muss ich lächeln und öffne es dabei, immer noch mit zitternden Händen. Die erste Seite ist von der fein säuberlichen Handschrift meiner Tochter geziert, dennoch muss ich meine alten Augen etwas zusam­menkneifen, um die Buchstaben entziffern zu können. „Für die beste Mutter, Schwiegermutter und Großmutter.“

Darunter erkennt man drei Unterschriften, wobei die kra­kelige Schrift von Levi, vermuten lässt, dass er sie tat­sächlich selbst hinzugefügt hat. Mit meinen zitternden Hän­den blät­tere ich weiter.

Die Bilder im Album sind bunt, ganz anders als in meinen Kindheitstagen und zeigen größtenteils meine Tochter und Levi. Auf den hinteren Seiten gibt es auch einige Aufnah­men, auf welchen mein Mann und ich mit ihnen zu sehen bin. Auf dem Bild kommen seine blassen, grünen Augen zur Geltung, mit denen er mich bis vor zwei Jahren stets liebe­voll angeblickt hat. Etwas sehnsüchtig denke ich an ihn zu­rück und halte dafür sogar einen Moment inne, bevor ich weiterblättere und mir auch die restlichen Fotos ansehe. Sobald ich das letzte Bild gesehen habe, hebe ich wieder langsam meinen Kopf und blicke dankend zu meiner Toch­ter, die ihre Aufmerksamkeit nun Levi zugewandt hat. Als sie meinen Blick jedoch bemerkt, kommt sie mit schnellem Schritt zurück zum Schaukelstuhl, in dem ich lehne und um­armt mich fest.

Ich hebe etwas mühsam meinen Arm und streiche ihr sanft über den Rücken und wieder durchströmt mich ein Glücks­gefühl. Kurz darauf kommt mein Schwiegersohn auf mich zu und bietet mir ein Plätzchen an, welches ich mit einer leichten Kopfneigung lächelnd annehme. Es schmeckt nach Nelken, Zimt und Honig, die Sorte der Weihnachts­plätz­chen, die ich am liebsten mag.

Levi hat inzwischen das Auspacken seiner Geschenke be­endet, wie ich jetzt feststelle. Nun trägt er mit schnellen Schritten einen bunten Karton zu meiner Tochter, worum es sich dabei genau handelt, kann ich nicht erkennen, doch ich sehe stattdessen seinen glücklichen, zufriedenen Ge­sichts­ausdruck.

Meine Tochter, ihr Mann und er lassen sich am großen Tisch mir gegenüber nieder. Ich höre erneut dumpf, wie sie das Wort an mich richten, doch mir ist es unmöglich, den Inhalt auszumachen. Mein Schwiegersohn kommt abermals auf mich zu, an seinem Gesichtsausdruck erkenne ich, dass er freundlich, aber vermutlich laut spricht, dennoch errei­chen mich die Worte nur leise. Er fragt, ob ich mit ihnen ein Brettspiel spielen möchte, doch ich lehne dankend ab. Viel lieber sehe ich ihnen zu. Er nickt und lässt sich wieder am Tisch nieder.

Mein trüber Blick wandert vom Fenster, hinter ihnen, an denen ich verschwommen Schneeflocken wahrnehme, über den Weihnachtsbaum mit den Kerzen, die den Raum in ein angenehmes warmes Licht tauchen, zurück zu Levi, der so laut lacht, dass auch ich es wahrnehme. Es handelt sich dabei um ein herzerwärmendes, glückliches Lachen, das seine Freude automatisch auch auf andere überträgt. Ich nehme den starken Geruch nach frischen Tannenzweigen wahr und den Duft nach Lebkuchen. Auch die Orangen-Zimt-Kerze am Tisch hinterlässt einen Geruch, den ich noch an meinem Platz im Schaukelstuhl einatmen darf. Auf meinen Knien merke ich die Schwere des Albums, meines Geschenkes, das mir so viel bedeutet, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Schon den ganzen Abend lang durchströmt mich ein Ge­fühl der Zufriedenheit und des unbeschreiblichen Glückes. Und als Levi schließlich zu mir herüberblickt und mir laut zuruft, dass er gewonnen habe, verstärkt sich dieses Glück um ein Vielfaches, obwohl ich das nicht einmal für möglich gehalten hätte. Ich bin zufrieden, glücklich und stolz auf meine Familie und als ich erneut in den Kerzenschein blicke, glaube ich dort sogar für einen kurzen Moment das Gesicht meines Mannes und seinen liebevollen ermutigen­den Blick zu er­kennen.

Und da ist er gekommen. Der Moment.

Das ist der Moment, in dem ich es erkenne. In dem ich es endlich weiß. Darum also habe ich mich stets an jenes Erlebnis erinnert. Um diesen einen Tag zu erkennen. Um zu wissen, dass meine Mutter recht gehabt hat. Um zu wissen, dass der beste Tag in meinem Leben nicht der in meiner Kindheit gewesen ist. Um zu wissen, dass heute der beste Tag in meinem Leben ist. Ein letztes Mal schweifen meine trüben Augen über meine Familie. Ich bin dankbar und voller Liebe. Dann schließe ich zufrieden und voller Glück meine müden und von all den Erinnerungen, die sich plötz­lich wieder zu einer chronologischen Vergangenheit zu ord­nen scheinen, erschöpft meine alten Augen.