Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

 

Das verlorene Mädchen und der Mann im Mond

 

Susanne Ruebner

 

Ich hatte keine Ahnung woher ich kam oder überhaupt, wer ich war, als ich mich an einer Weggabelung wiederfand. Der eine Pfad war sandig und führte in verworrenen Win­dun­gen bis hinter den Horizont, der andere war steinig und führte geradewegs in eine Stadt. Dort, wo die Wege aus­einander­gingen, befand sich ein großer, grauer Findling, auf welchem sich ein schwarzer Kater sonnte.

„Na, du bist ja ein Hübscher. Komm, lass dich streicheln, miez, miez“, versuchte ich ihn zu locken und streckte langsam meine Hand nach ihm aus. Der Kater betrachtete mich aus verschlafenen Augen, gähnte herzhaft und begann sich zu strecken. Ganz gemächlich setzte er sich auf.

„Für das Kompliment würde ich danken, wenn ich eitel wäre, was zu einem kleinen Teil sogar zutreffen könnte. Doch das ‚Miez, Miez‘ und streicheln möchte ich mir doch sehr verbitten. Des Weiteren ist es ausgesprochen unhöf­lich die Hand nach jemandem auszustrecken, ohne den Anstand gezeigt zu haben, sich vorzustellen.“

Hastig zog ich meine Hand zurück. Hat der Kater gerade gesprochen? Fassungslos starrte ich das Tier an.

„Es zeugt nicht von Intelligenz mit offenem Mund in der Gegend zu stehen.“

Da, schon wieder! Ich konnte nicht aufhören, diesen spre­chenden, schwarzen Kater anzustarren. Offenbar hielt er nicht viel davon, er begann mit seinem Schwanz durch die Luft zu peitschen.

Ich musste mir mehrmals in den Arm kneifen, doch der Kater blieb, wo er war, und sah mich aus unergründlichen Augen an. Geschmeidig wie ein kleiner Panther sprang er vom Felsen.

„Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, hättest du also die Güte, mit mir zu kommen?

„Wohin?“, fragte ich verwirrt.

„Wohin du gehst, hängt davon ab, wohin du willst. Wohin also willst du?“

Ich überlegte einen Moment. Doch ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte.

„Ich weiß weder, wo ich bin, noch wo ich hinwill.“

Der Kater schnippte mit dem Schwanz und sprach: „Na wenn das so ist, hast du die Wahl. Du hast zwei Wege, welchen möchtest du gehen?“

Ich schaute mir die Wege an. Es gab den sandigen Pfad ohne sichtbares Ende und den steinigen Weg zur Stadt.

„Ich glaube, ich nehme den Weg in die Stadt.“

„Du hast dich also entschieden. Nun denn, lass uns gehen, bevor du hier noch anfängst Wurzeln zu schlagen!“ Kaum hatte der Kater das gesagt, machte er sich auf den Weg. Ich musste mich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.

„Kater, kannst du mir sagen, wo ich hier eigentlich bin?“

„Du bist auf dem Weg, Zweibeiner.“

Anstatt klare Antworten zu geben, musste sich das verflixte Tier natürlich in Rätseln ausdrücken! Ich machte meinem Ärger Luft: „Nenn mich nicht Zweibeiner! Und ich sehe, dass wir auf dem Weg sind, aber ich möchte wissen, wie diese Gegend oder meinetwegen auch das Land hier heißt!“

Der Kater blieb stehen und musterte mich abschätzig.

„Du nennst mich Kater, dann nenn ich dich Zweibeiner. Es ist doch einfach, einem Wesen den Namen zu geben, den das Wesen eh schon innehat, obgleich es noch andere Namen trägt, oder irre ich mich da? Zu der Frage, wo du bist: Du bist hier. Falls du nicht weißt, wo ‚hier‘ ist, liegt es an dir, es herauszufinden.“

Mir schwirrte der Schädel. Es war wohl nicht anders zu erwarten, doch meine Hoffnung, jemals eine klare Antwort von dem Kater zu erhalten, wurde soeben zunichte ge­macht. Ich hielt es für das Beste zu schweigen, da mein ohnehin schon wirrer Kopf weitere Rätselantworten nicht verkraften würde.

Wir durchschritten gemeinsam das mäch­tige Stadttor. Die Stadt war riesig und merkwürdig. Sie bestand aus Häusern unterschiedlichster Stile und Zeiten. Ein viktorianisches Herrenhaus befand sich in direkter Nachbarschaft zu einem gewaltigen Hochhaus. Gegenüber dessen befand sich ein altmodischer Bauernmarkt, während eine Straße weiter ein neumodernes Kaufhaus stand. Es schien mir, als hätte ein Kind diese Stadt bunt zusammengewürfelt. Nicht nur die Häuser und Straßen, sondern auch die Menschen, die an­scheinend hier lebten. Erst bei genauerem Hinsehen fiel mir auf, dass nicht nur Menschen, sondern auch menschen­ähn­liche und vollkommen menschenfremde Wesen diesen Ort bevölkerten.

„Wo bin ich hier?“, fragte ich mehr mich selbst, als den Kater.

„Das hier ist die ‚Bunte Stadt‘, wie unschwer zu erkennen ist. Alles läuft und lebt hier bunt durcheinander.“

„Das sehe ich.“

Der Kater schnippte verdrossen mit dem Schwanz: „Dann bin ich so frei zu meinen, dass deine Augen dir ja vorzüg­liche Dienste leisten. Wohin möchtest du nun gehen?“

Ich war noch immer wie gelähmt von all den Eindrücken. Sie schienen mich schlicht zu überwältigen.

„Der Zweibeiner hat wohl noch nie eine bunte Stadt ge­sehen“, spottete der Kater, „verlier dich nicht in ihrem Anblick. Obwohl, da du nicht weißt, wo du hinwillst, kannst du eigentlich gar nicht verlorengehen.“

„Ich möchte sie mir ansehen“, schloss ich und steuerte auf die Hauptstraße zu.

Der schwarze Kater blieb an meiner Seite. Ich musste bei dem Gedanken schmunzeln, dass er mir wie ein kleiner Schatten folgte.

Die ‚Bunte Stadt‘ verströmte einen eigenartigen Charme. An einer Ecke roch es nach würzigen Kräutern und scharfen Gewürzen, während einem gegenüber der Gestank von Benzin in die Nase biss. Obwohl so viele Kulturen, Epochen und Rassen aufeinandertrafen, wirkte es friedlich und harmonisch. Ich beobachtete einen Cherokee, wie er an einem bäuerlichen Gemüsestand einkaufte und dann auf seinem roten Moped davonfuhr.

Ich schüttelte den Kopf. War das alles hier wirklich? Konn­te es so einen Ort wirklich geben? Ich wusste es nicht. Der Kater bemerkte, dass ich angehalten hatte und drehte sich fragend zu mir um. „Was bleibst du stehen, Zweibeiner?“

„Nichts, ich wundere mich nur über diese kuriose Stadt.“

„Kurios in der Tat, doch ist sie aus Träumen gebaut und haftet denen nicht immer etwas Kurioses an?“

Ich hatte keine Ahnung, was der Kater mir damit sagen wollte. Fast hatte ich den Verdacht, dass es ihm einfach nur Spaß bereitete, mich zu verwirren. Ich schlenderte durch die kleinen Gassen und breiten Straßen und begnügte mich damit, mir alles anzuschauen. Ein vornehm gekleideter Herr in schwarzem Frack ging Hand in Hand mit einem stark tätowierten Punkermädchen. Ich schaute ihnen nach, bis der pinkfarbene Hahnenkamm des Mädchens in der Menge verschwand. Niemand schien sich zu wundern oder gar da­ran zu stören. Eine sonderbare Frau kreuzte meinen Weg, jedenfalls glaubte ich, dass es eine Frau war. Sie war in bun­ten Gräsern gekleidet, Efeu rankte sich von ihren Schultern bis zur Taille, als eine Art Gürtel. Da ich fast mit ihr zu­sammengestoßen war, stammelte ich verlegen eine Ent­schul­digung. Sie schaute mich aus kieselartigen Augen an, legte den Kopf schief und knickste. Dann setzte sie ihren Weg fort. Sonderbar, alles doch recht sonderbar.

Ich wanderte durch die Stadt, bis es dunkel wurde.

Leuchtende Punkte schwirrten durch die Gassen und Stra­ßen. Ich erkannte erst bei näherem Hinsehen, dass es sich dabei um Feen handelte. Es gab sie in allen erdenk­lichen Farben und ich wurde es nicht müde, ihnen zuzu­sehen.

Der Kater blieb immer an meiner Seite. Sein schwarzes Fell verschmolz förmlich mit der Dunkelheit, sodass ich nur seine smaragdgrünen Katzenaugen funkeln sah.

„Die Stadt ist so wunderschön“, hauchte ich, völlig ver­sunken.

„Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters“, antwor­tete der Kater.

Ich schüttelte den Kopf und blieb stehen. „Kannst du nicht einmal eine klare Antwort geben? Findest du die Stadt schön oder nicht?“

Er schaute mich an, mit seinen unergründlichen Augen, die meine Seele zu durchbohren schienen. „Was spielt es für eine Rolle, ob ich sie schön finde oder nicht? Würde ich sie schön finden, was zutreffen könnte, aber nicht muss, so wäre es so und würde nichts an der Sachlage ändern. Du solltest wissen, dass ich ein Kater bin und es meiner Natur zu eigen ist, auf verworrenen und undurchsichtigen Pfaden zu wandeln. Wir leben nicht im Schwarz und Weiß, son­dern in all den unzäh­ligen Facetten dazwischen. Bedenke dies wohl, Zweibeiner.“

Ich musste eine Weile darüber grübeln, ehe sich mir der Sinn seiner Worte erschloss.

„Ich danke dir, Kater. Ich weiß nicht, ob ich dich voll­kommen verstanden habe, doch ich glaube, dich nun besser zu verstehen.“

Die Lider seiner Augen senkten sich. „Du brauchst mir nicht zu danken, Zweibeiner, ich sage die Dinge, wie sie sind oder zu seien scheinen. Wenn mein Rat vermochte dir zu helfen, so bewahre ihn gut. Vielleicht kannst du ihn eines fernen Tages noch brauchen.“

„Kater, eine Bitte habe ich noch“, setzte ich an, „bitte nenn mich nicht Zweibeiner, sondern bei meinem Namen“.

„Und wie lautet einer der Namen, den du innehast, Zwei­beiner?“

Ich musste einen Moment überlegen, bis mir mein Name wieder einfiel.

„Frey, mein Name ist Frey.“ Erleichterung breitete sich in mir aus; ich mochte Einiges vergessen haben, doch mein Name war mir geblieben.

„Frey“, schnurrte der Kater, als müsste er den Klang des Namens kosten.

„Wie ist dein Name?“

Der Kater gab ein merkwürdiges Geräusch von sich. Ich stutzte eine Weile, bis mir auffiel, dass er lachte. „Ein Kater wie ich hat so viele Namen durch so viele Leben. Sie wur­den mir gegeben, oder ich habe sie gewonnen, manche gingen verloren und wurden wiedergefunden. Such dir einen aus, vielleicht errätst du einen alten oder du verleihst mir einen neuen Namen.“

Ich stützte meine Hand in meinem Kinn und sann nach einem treffenden Namen für den Kater. Es durfte nicht zu oberflächlich sein und musste zu seinem Charakter passen. „Wenn ich mir einen Namen aussuchen darf, nenne ich dich Riddle, da du immer in Rätseln sprichst.“

Seine smaragdgrünen Augen funkelten amüsiert. „Riddle, natürlich. Ein einfältiger Name von einem einfältigen Zwei­beiner könnte man meinen. Aber ich will mich nicht be­schweren, um einiges besser als ‚Blackie‘ oder ‚Samtpföt­chen‘.“

Ich musste lachen. „Waren das Namen von dir?“

„Wer weiß?“, antwortete der Kater.

Mittlerweile war es finsterste Nacht geworden. Der Himmel sah seltsam aus, es schien, als würden die Sterne tanzen. Die Mondsichel grinste auf uns herab. Mir war, als ob dort oben jemand sitzen würde. Ich schaute genauer hin. Dort oben saß tatsächlich jemand. Ich erkannte die Silhouette eines Man­nes. Ich konnte erahnen, wie er mir zuwinkte.

„Es scheint beinahe, als würde er dich grüßen“, sagte Riddle.

„Wer ist das?“, fragte ich den Kater.

„Wer das ist? Du sonderbarer Zweibeiner, das ist der Mann im Mond.“

„Der Mann im Mond“, staunte ich und konnte meinen Blick nicht von der schattenhaften Gestalt abwenden. Es schien wieder, als würde er winken. Die Sterne begangen plötzlich wie wild zu tanzen und durcheinanderzuwirbeln. Ich begriff, dass sie Wörter formten.

„Woher kommst du?“, formten die Sterne am Fir­mament.

„Ich weiß es nicht“, seufzte ich.

„Wenn selbst der Mann im Mond nicht weiß, woher du kommst, so ist es wahrscheinlich, dass du nicht von hier bist. Jedoch ist es nicht vollkommen ausgeschlossen. Du musst wissen, dass er jedes Geschöpf, jeden Traum, dieser Welt kennt und stammt es aus einem der Grenzländer“, sprach Riddle. Die Sterne fingen erneut an zu tanzen. Ich beob­achtete ihr Zusammenspiel, folgte ihnen gebannt mit den Augen. Stück für Stück bildeten sich silberne Buch­staben.

„Danke Riddle“, verkündete die Letter.

Der Kater schnurrte amüsiert. Ich runzelte die Stirn.

„Woher kennt er deinen Namen? Ich habe ihn dir doch eben erst gegeben?“, fragte ich stutzig.

Der Kater machte wieder dieses keuchende Geräusch, was bei ihm wohl wirklich ein Lachen sein soll und sprach: „Der Mann im Mond vermag alles zu hören und alles zu sehen, was in dieser Welt oder den Grenzländern vor sich geht. Ihm bleibt nichts verborgen, solange der Mond am Himmel steht. Doch ich merke, ich rede zu viel. Es steht mir nicht zu, die Geheimnisse eines anderen weiterzugeben, wobei es unter Umständen reizvoll sein könnte, doch ohne Vorteil – ohne Reiz.“

Der Mann im Mond schaute auf mich herab. Er bewegte seine schattenhaften Arme, als würde er ein Orchester dirigieren. Die Sterne erzitterten und flogen kreuz und quer durcheinander.

‚Lass mich dir eine Geschichte erzählen‘.

„Oh, eine Geschichte, ich muss sagen Zweibeiner, mir scheint es fast, dass der Mann im Mond beginnt, sich sehr für dich zu interessieren. Man könnte sagen, dass es nicht oft vorkommt, dass er eine Geschichte erzählt, nein in der Tat. Fühle dich geehrt, dass er dich für würdig hält.“

Eine Geschichte. Ich war gespannt. Der Mann im Mond winkte mir noch einmal, dann drehte er mir plötzlich den Rücken zu.

„Warum wendet er sich von uns ab? Ich dachte er wollte eine Geschichte erzählen?“

„Komm, folge mir. Es wäre möglich, dass ich eine Ahnung haben könnte, wo er uns hinhaben möchte“, sagte Riddle. Es schien dem Kater wirklich schwerzufallen, sich klar aus­zudrücken. Nun gut, mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

In finstrer Nacht, einem schwarzen Kater zu folgen, ist verdammt noch mal nicht einfach. Mehrfach stieß ich mir den Fuß oder geriet ins Stolpern.

Riddle schnaubte dann verächtlich. „Ja, gib mir doch deine Augen, damit ich besser sehen kann!“, fauchte ich ihn an. Der Kater schwieg und für einen bangen Augenblick glaubte ich, dass er mich alleingelassen hatte.

„Nun, komm, Frey. Hier geht es weiter.“

Der vermaledeite Kater scheuchte mich durch die unweg­samen Gassen der bunten Stadt. Eine Asphaltstraße ging in einen buckeligen Kopfsteinpflasterweg über. Da ich nicht wirklich viel sehen konnte, stolperte ich erneut.

„Ach, mit dir dauert es ja wirklich Ewigkeiten, ehe wir zum Schauplatz gelangen. Höre Zweibeiner Frey, ich gewähre dir jetzt eine Gefälligkeit, was du tunlichst für dich behalten solltest. Sie wird dich auch so schon teuer zu stehen kom­men. Setz mich auf deine Schulter, ich werde deine Augen sein“, sagte Riddle.

Ich war sprachlos, doch ich gehorchte, streckte meine Arme suchend nach ihm aus und setzte ihn auf meine Schulter. Sein Fell war seidig weich. Er machte es sich be­quem und lotste mich durch die verschlungenen Pfade der bunten Stadt. Wir ließen das große Stadttor hinter uns. Der Kater navigierte mich zu einem Trampelpfad, der steil bergauf führte. Der Weg war äußerst anstrengend.

„Lässt du mich fallen, so könnte es äußerst unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen“, zischte Riddle leise, als er bedrohlich nach vorne rutschte. Er krallte sich schmerzhaft in mein Hemd und trieb mich zum Weitergehen an.

Es dauerte eine Weile, bis ich zur Spitze des Berges ge­langte. Von dem Aufstieg hatte ich Seitenstechen bekom­men, sodass ich meine Hände in die Hüften stützte und um Atem rang.

„Es scheint mir, dass dich unser kleiner Spaziergang schon völlig aus der Puste gebracht hat. Lass mich dir raten, an deiner Kondition zu arbeiten, Frey.“

Ich japste nach Luft, ehe ich zu einer Antwort ansetzte:

„Es – ist – auch – verdammt – anstrengend – mit einem schweren – Kater – auf der – Schulter – einen Berg – zu besteigen.“

Der Kater gab ein missbilligendes Zischen von sich.

„Genug mit deinen Geschwätzigkeiten, sonst verliert unser verehrter Gastgeber noch die Geduld mit dir“, sagte Riddle und wandte sich dem Mond zu.

Als ich mich umdrehte, fiel mir auf, dass der Mond hier viel näher zu sein schien. Jetzt konnte ich auch den Mann im Mond deutlicher erkennen. Er schien um die Mitte zwanzig zu sein, hatte milchweiße Haut und trug einen mitter­nachts­blauen Seidenpyjama. Seine zum Pyjama passende Schlaf­mütze reichte ihm bis auf die Brust. Er musterte mich aus nachdenklichen Augen. Ich lächelte ihm verlegen zu.

Dann stand der Mann im Mond auf und deutete eine Ver­beugung an, instinktiv machte ich einen kleinen Knicks. Dann setzte er sich auf seine Mondsichel und ich tat es ihm nach und setzte mich in das Gras. Es raschelte kaum merk­lich neben mir, als auch Riddle sich niederließ. Der Mann im Mond zog einen silbernen Dirigentenstab hervor und be­gann damit in die Luft zu schreiben.

‚Welche Geschichte möchtest du hören?‘

Es erstaunte mich, dass er mir die Wahl ließ. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich überschlug schnell, welche Ge­schich­ten mich interessierten. Ich entschied mich für das Nächst­liegende.

„Wie bist du zum Mann im Mond geworden?“

Riddle gab einen zischenden Laut von sich. Ich wandte mich an den Kater: „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Du einfältiger Zweibeiner! Man fragt niemanden nach seiner Geschichte oder nach seinen Geheimnissen! So et­was gehört sich nicht!“

Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss und ich er­rötete. „Verzeih mir, Mann im Mond! Ich wollte nicht un­höf­lich sein.“

Er beobachtete mich aus seinen nachdenklichen, dunklen Augen. Sein Gesicht verriet nicht, ob ich ihn gekränkt oder verletzt hatte, es wirkte bar jeglicher Emotionen.

Der Mann im Mond dirigierte die Sterne. Sie formten in silbernen Lettern folgende Worte: ‚Ich erzähle sie dir‘.

Und er begann mir seine Geschichte zu erzählen.

‚Vor langer Zeit gab es ein Mädchen. Sie sang so schön, wie niemand anders. Ein Traumprinz hielt um ihre Hand an, doch sie erwählte ihn nicht. Sie liebte mich‘.

Die Sterne wirbelten durcheinander, dass mir schwin­delig vor Augen wurde. Sie formten nicht nur Worte, sondern auch Bilder.

‚Und ich liebte sie. Doch der Traumprinz war ge­kränkt. Er suchte eine Albträumerin auf. Dieser ver­fluchte meine Liebste. Sobald sie ihre Stimme erhebe, würden Mond und Sterne vom Himmel fallen. Sie würden auf die Erde stürzen und alles und jeden vernichten. Meine Liebste litt sehr darunter, war sie doch zum Stummsein verdammt. So suchte ich eines Nachts einen Wunsch­traum auf, dass er mir die Macht über Mond und Sterne verleihe. Ich erhielt einen silbernen Zweig, der es mir ermöglicht, über Mond und Sterne zu gebieten. Doch dafür wurde ich auf den Mond verbannt und darf ihn nie mehr verlassen. Mir bleibt nur noch zu schauen, was in dieser Welt und den Grenzländern geschieht‘.

Die letzten Sternenbilder zeigten den Mann im Mond. Ich war gebannt von den tanzenden Sternenworten.

„Was wurde aus deiner Liebsten?“, fragte ich zögernd.

Der Mann im Mond schaute mich lange an, dann schlen­kerte er unwillig mit seinem Zweig und die Worte formten sich.

‚Sie war frei. Sie konnte wieder singen und war glück­lich. Wir konnten nicht mehr zusammen sein. So hat sie mich verlassen‘.

Ich fühlte mit dem armen Mann im Mond. Er hat alles für sie aufgegeben und sie hatte ihn verlassen. Wie egoistisch man doch sein konnte.

„Das tut mir leid für dich“, sagte ich und presste unbewusst meine Hand aufs Herz.

‚Sie war glücklich und das war mir genug‘, sagte er durch die Sterne.

„Ich schwöre dir, sollte ich sie treffen, werde ich ihr or­dent­lich ins Gewissen reden!.

Der Mann im Mond lächelte verhalten. Er stützte eine Hand in seinem Kinn und sprach: ‚Ich danke dir. Doch ich wachte all die Jahre über sie bis zu ihrem Ende‘.

„Deine Liebste ist tot“, flüsterte ich. Die Sterne schwiegen. Der Mann im Mond sah mir in die Augen, ich konnte unend­lich viel Traurigkeit darin sehen. Er muss mehr Leid in dieser Welt gesehen haben, als man sich je erträumen konnte. Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen.

‚Weine nicht meinetwegen‘, sagten die Sterne und ich merkte erst dann, dass mir Tränen die Wangen hinunter­rannen.

„Entschuldige, aber deine Geschichte ist einfach nur so unfassbar traurig“, stammelte ich. Verlegen wischte ich mir mit meinem Hemdsärmel über die Augen.

Der Wind frischte auf und ich begann zu frösteln. Der Mann im Mond beobachtete mich, drehte sich kurz um und warf etwas zu mir hinunter. Ich hatte Mühe es aufzufangen. Es war federleicht. Ich faltete es neugierig auseinander. Es war eine Art Umhang, der in den Farben der Nacht schim­merte. Ich warf ihn mir um. Ein Gefühl von Geborgenheit überkam mich. Im Mondlicht erkannte ich, dass kleine Sterne in den Stoff hineingewebt worden waren. Ich lächel­te und bedankte mich beim Mann im Mond. Er erwiderte mein Lächeln.

‚Ein Stück der Nacht, dir zum Geschenk gemacht‘.

„Ich danke dir für dieses kostbare Geschenk, aber mehr noch für deine Geschichte.“.

Der Mann im Mond deutete eine Verbeugung an. Er ließ ein letztes Mal die Sterne tanzen. Dann verabschiedete er sich: ‚Lebe wohl Frey, und auch du, Riddle‘.

Er winkte mir nicht, er sah uns einfach nur nach, als wir uns an den Abstieg machten.

Eine unbeschreibliche Traurigkeit überkam mich und ich zog den Umhang fester um mich. „Egal was du tust, schau nicht zurück, frag nicht weshalb, tu es einfach nicht“, sagte Riddle. Ich befolgte seinen Rat. Wir kamen nur langsam voran, doch das störte mich nicht. Im Gegenteil, es gab mir Zeit, die vielen Gedanken in meinem Kopf zu sortieren. Was war ich doch in eine merkwürdige Geschichte gefallen. Als wir endlich unten angelangten schaute ich in den Nacht­himmel empor, der Mond schien plötzlich so weit weg zu sein und mit ihm der Mann im Mond.

„Du hast gut daran getan, dem Rat eines Katers zu folgen, hättest du es nicht getan, so hätte die Möglichkeit bestan­den, dass er dich geholt hätte.“

Ich schaute hinunter zu den glühenden Augen des Katers.

„Was meinst du damit er hätte mich geholt?“, fragte ich Riddle.

„Du einfältiger Zweibeiner glaubst doch nicht ernsthaft, dass der Mann im Mond zeit seiner Verbannung allein dort oben haust? Natürlich hat er sich Mädchen geholt. Er machte ihnen schöne Augen und ließ die Sterne für sie tanzen. Spran­gen sie darauf an, so holte er sie zu sich auf seinen Mond und behielt sie bis an ihr jeweiliges Lebens­ende, ob sie wollten oder nicht.“

„Das ist ja furchtbar“, flüsterte ich. Eine eiskalte Hand schien in mein Innerstes zu greifen, als ich daran dachte, was hätte passieren können.

„Und wenn seine Liebchen das Zeitliche gesegnet hatten, verwandelte er sie in Sterne, auf dass sie ewig bei ihm blieben. Der Mann im Mond ist wohl doch nicht so eine romantische Gestalt, wie du zu glauben dachtest – oder irre ich mich da?“

Mir wurde leicht übel. Bis ans Lebensende als Gefangene vom Mann im Mond erschien mir als nicht allzu rosiges Schicksal.

„Aber das ist doch keine Liebe“, würgte ich hervor.

„Oh, ich kann mich nicht entsinnen, behauptet zu haben, dass es sich dabei um Liebe handle. Er hat der Liebe ab­geschworen, seit er für sein Liebchen den teuren Preis gezahlt hat und sie ihn daraufhin verließ.“

„Bitte“, keuchte ich, „bitte, Riddle, bring mich hier weg.“

„Welchen Weg, Menschlein?“.

„Das ist mir gleich, nur weg von hier“, sagte ich.

Und der Kater marschierte schnurstracks darauf los und ich folgte ihm, wo auch immer der Weg uns hinführte.