Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.

 

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

Das Loch im Wohnzimmer

 

Moses Meerstein

 

Knarrkon und Ruttgon saßen an einem kleinen, runden Tisch aus dunkelbraunem Holz, tranken Tee und kauten mit ausladenden und knirschenden Bewegungen. Knarrkon klopf­te mit einem der kleinen Kekse auf den Tisch.

„Nun“, sagte Knarrkon, „diese Plätzchen sind ein wenig knackig.“

„Ja, aber ich sag immer, lieber knackig als kackig!“, er­widerte Ruttgon und verschluckte sich, so sehr lachte er über seinen eigenen Witz.

Knarrkon grunzte anerkennend „lustig“ und gluckste drei­mal vor Freude.

Als die beiden sich wieder beruhigt hatten, rieb sich Knarr­kon nachdenklich das Kinn. „Das ist also Weihnachten“, stellte er fest. „Magisch erscheint mir das noch nicht. Haben wir etwas falsch gemacht?“

Der Tisch, an dem die beiden saßen, war der Mittelpunkt der dunklen Höhle, die sie ihr Zuhause nannten. In die Wände dieser Höhle hatten sie längliche Steine geschlagen, die mit ihrem warmen, grünen Licht die Dunkelheit ver­trieben, als wären sie funkelnde Sterne eines fremden Planeten. Natür­lich kannten die beiden echte Sterne, sie waren ja keine Maul­würfe! Aber auch wenn sie keine gruse­ligen, knopfäugigen Maulwürfe waren, sahen sie Sterne trotzdem nicht oft.

Knarrkon und Ruttgon gingen nur sehr selten zur Ober­fläche, deren Grenzenlosigkeit sie erschreckte. Ihre Höhle hatte daher auch nur einen Ausgang, der auf unverzweig­tem Weg in die Ausläufer eines Gebirges führte, direkt an den Anfang oder das Ende eines Waldes. Selten folgten die bei­den diesem Weg und noch viel seltener, um ein Aben­teuer zu erleben. Auch an diesem Tag hatten sie nichts getan, um eines herauszufordern.

„Wir haben Plätzchen“, sagte Ruttgon und deutete auf die unförmigen Kreise in der Mitte des Tisches.

„Und wir haben einen Weihnachtsschaum“, sagte Knarrkon und zeigte auf einen Stalagmiten, der im hinteren Teil der Höhle aus dem Boden ragte und mit einer dicken Schicht aus Moos und Pilzen bewachsen war. Jemand hatte einen be­sonders großen Pilz auf der Spitze des Steins zu einem Stern geschnitzt.

„Wir haben Glühwein!“, sagte Ruttgon und deutete in Rich­tung einiger Fässer, die an den Wänden aufgetürmt waren,

„und Sauerkraut und eingelegte Gurken!“

Knarrkon nickte freudig. „Dann sollte also bald die Weih­nachtsmagie kommen!“

Die beiden blieben regungslos stehen und lauschten erwar­tungsvoll, ob sie die Magie sich nähern hörten. Doch da war nichts, zumindest zuerst. Das Abenteuer, das die bei­den nicht gesucht hatten, kündigte sich von einem auf den ande­ren Moment mit einem leichten, fast unmerklichen Wackeln einer Wand an, das völlig unvermittelt in ein Tosen aus Lärm und Staub überging. Steine und Schmutz lösten sich von­einander, fielen und fanden sich am Boden zu einem Haufen wieder zusammen. Dort, wo sie vorher über­einander gelegen hatten, blieb nichts und doch etwas, es blieb etwas, was durch nichts beschrieben wird: ein Loch.

„Meinst du, wir brauchen die Axt?“, fragte Ruttgon und starrte auf die kaputte Wand.

„Die Axt für die Bäume oder die Axt für die Viecher?“

„Na, wir gehen doch jetzt keine Bäume fällen.“

Die Axt für die Viecher lehnte neben den Fässern an der Wand und hatte einen sehr kurzen Holzstiel, sodass Rutt­gon sie knapp unter dem schweren Axtblatt greifen musste. Mit und ohne Axt schlichen die beiden zu der Wand und begut­achteten das Loch ausgiebig. Sie stiegen mit ihren langen Beinen hindurch und fanden dahinter einen Gang, der eng an ihrem Wohnzimmer entlangführte. Der Gang war dunkel, allein der Boden glitzerte, wie von feinem Sternenstaub bedeckt.

„Das sieht nicht nach Kakerlaken aus“, stellte Ruttgon fest.

„Vielleicht waren es Krebse.“

„Aber Krebse leben doch am Strand.“

„Vielleicht ist hier ein Strand.“

„Nein.“

„Dann waren es vielleicht Maulwürfe“, sagte Knarrkon und verzog sein Gesicht.

„Bäh“, fluchte Ruttgon und verzog ebenfalls sein Gesicht.

„Toll. Jetzt ist mir schlecht.“

Ruttgon schulterte die Axt und tastete sich langsam in den Gang hinein. Es war kein sehr schöner Gang, durch den die beiden dort gingen, aber wenigstens war er gerade. Er wies auch keine Abzweigungen auf und ersparte es den Aben­teurern damit, etwas entscheiden oder sich den Weg merken zu müssen; zumindest tat er das eine gute Weile lang. Die erste Abzweigung, auf die Knarrkon und Ruttgon schließ­lich doch stießen, roch nach Mandeln, und da die beiden Man­deln sehr mochten, folgten sie diesem neuen Gang.

Der Gang endete bei einem kleinen Berg, von dem der Mandelgeruch ausging. Rutton kniete sich hin und fasste ihn vorsichtig an. Der Berg war weich wie frischer, noch etwas zu feuchter Teig. „Das ist sogar warm“, wunderte er sich. „Jemand muss das erst vor kurzem zubereitet haben.“

„Du meinst, jemand hat so viel Plätzchenteig vorbereitet und ist dann einfach abgehauen?“

„Weißt du, was das heißt?“

„Wir haben die Schuldigen bald!“

„Nein. Vielleicht. Aber erst mal haben wir eine Menge kos­ten­losen Mandel-Teig!“

Lachend stopften sich die beiden viele Hände voller Teig in ihre Taschen. Sie waren so beschäftigt, dass sie das kleine Wesen mit der Zipfelmütze zuerst gar nicht sahen, das vor­sichtig hinter dem Berg hervortrat. Es hatte einen gro­ßen Sack über seine Schulter geworfen und sah die beiden mit sorgenvollem Blick an.

„Hallo“, flüsterte es vorsichtig.

Ruttgon und Knarrkon erstarrten in ihren Bewegungen, nur die Hände versteckten sie flink hinter ihren Rücken.

„Entschuldigung. Gehört das dir?“, flüsterte Knarrkon zu­rück und sah beschämt auf den Boden, während er ver­such­te, heimlich seine Hände an seiner Hose abzuschmie­ren. Ruttgon ergriff die Chance, drehte sich etwas zur Seite und leckte schnell seine Finger ab.

Das Wesen hob seine Augenbrauen. „Nein, aber was macht ihr denn hier?“

Knarrkon zeigte auf den Gang, aus dem sie gekommen waren, „wir suchen denjenigen, der diesen Gang gebaut hat.“

„Diesen Gang haben Zwerge angelegt“, erzählte das kleine Wesen, das sich als Wichtel vorgestellt hatte, während sie zu dritt weiter in das Dunkel vordrangen. „Seht ihr die Gold­reste auf dem Boden? Die buddeln sich einfach durch die Erde, folgen dem Gold und verschwinden dann wieder. Ihr erkennt ihre Arbeit an der fehlenden Abstützung. Es ist ihnen egal, was mit den Gängen passiert.“ Der Wichtel hielt kurz inne, wechselte die Schulter, auf der er den Sack trug, und fuhr dann fort zu erzählen, nicht jedoch, ohne Ruttgon einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. „Und natürlich er­kennt ihr Zwergengänge an diesen kurzen Abzweigungen, an deren Ende sie immer alles vollkacken.“

„Was?“, fragte Knarrkon irritiert und dachte voller Unbe­hagen an seine Taschen. „Warum trägst du einen Sack voll Zwergenkacke mit dir herum?“

Ruttgon roch verstohlen an seinen Händen und zuckte be­ruhigt mit den Schultern. Er fand, es roch gar nicht schlecht.

Der Wichtel lachte. „Na, zum Heizen!“

„Wirklich?“

„Vielleicht“, antwortete der Wichtel geheimnistuerisch.

„Was macht ihr eigentlich, wenn ihr die Zwerge gefunden habt?“

„Keine Ahnung“, sagte Knarrkon. „Wie sind die denn so?“

Der Wichtel verdrehte die Augen, „klein und wütend.“

„Und was machen die so?“

„Sie suchen Gold und sie mögen Frauen.“

„Frauen, heh“, sagte Knarrkon.

Ruttgon nickte.

„Die Zwerge müssen unsere Wand wiederaufbauen“, sagte Knarrkon.

„Das machen die sicher nicht“, sagte der Wichtel, „die wer­den euch einfach mit etwas auf den Kopf hauen.“

„Mit Gold?“

„Eher mit einer Spitzhacke.“

„Oder mit Frauen?“

„Nein“, sagte der Wichtel und nach einer Weile voller Schwei­­gen fügte er hinzu, „aber ihr habt ja eine Axt.“

Ruttgon griff die Axt und ließ sie probehalber durch die Luft schwingen. „Sicherlich fragst du dich, warum der Holz­stiel dieser Axt so kurz ist.“ Bedächtig wartete er das neugierige Nicken des Wichtels ab.

„Es ist schon eine Weile her, da hatten wir eine große Kaker­lakenplage in unserer Höhle. Kaum schliefen wir, schon brachen sie durch die Wände und aßen unsere Vor­räte und machten unsere Wohnung schmutzig.“

Knarrkon nickte mit sorgenvoll zusammengezogenen Au­gen­brauen.

„Jedenfalls kämpften wir mit diesen Monstern um unsere Höhle“, fuhr Ruttgon fort, „dabei stellten wir fest, dass unsere Axt – damals hatten wir nur eine – zwar zum Bäu­mefällen gut, aber zum Kakerlaken bekämpfen schlecht war. Also schickte ich Knarrkon los, eine Axt zu kaufen, mit der wir die Viecher bekämpfen können.“

Knarrkon nickte heftig und sagte: „Und dann habe ich diese Axt gekauft!“

Ruttgon nickte ebenfalls und lächelte ihn an.

Der Wichtel wartete neugierig. Als jedoch niemand mehr etwas sagte, fragte er: „Und warum ist der Stiel der Axt nun so kurz?“

Knarrkon sah ihn verständnislos an, „Es gab keine anderen Äxte zu kaufen.“

Der Wichtel seufzte tief und lang, dann zeigte er auf ein kleines Loch im Boden, sagte: „Das ist mein Loch“, und verschwand darin.

Ruttgon und Knarrkon kicherten und gingen weiter, bis sie an das Ende des Ganges gelangten. Kein Ausgang, keine Höhle und keine Zwerge erwarteten sie hier, nur eine Wand. „Wir sind wohl in die falsche Richtung gegangen“, stellte Knarrkon fest.

Ruttgon grinste Knarrkon an, rief: „Schuld ist, wer schmut­zig ist!“, und warf eine Handvoll des ‚Mandelteigs‘ nach Knarrkon. Ohne dass Knarrkon sich bewegte, verfehlte der Wurf sein Ziel. Der ‚Teig‘ landete an der Wand, die zuerst unmerklich wackelte und dann tosend zusammenbrach.

„Ein Loch“, stellte Knarrkon recht gefasst fest, „ob unseres auch so entstanden ist?“

Der Gang, den die beiden hinter diesem Loch fanden, war breiter, heller und schöner als der alte Gang und auch überhaupt unglaublich dekoriert. Der Boden war sorgsam mit roten Ziegelsteinen ausgelegt. Die Wände und die Decke waren mit hellgrünem Putz versehen und mit grünen Tan­nenästen, goldenem, rotem und grünem Schmuck behangen. Da waren zarte Kugeln in goldener Fassung, glitzernde Herzen und Figuren und kleine Engel­chen.

Die breiten Füße der beiden patschten über die roten Steine. Ganz im Gegensatz zu dem Zwergengang war dieser Gang verzweigt; so unglaublich verzweigt, dass niemals jemand eine Karte davon würde anfertigen können. Aber auch ganz im Gegensatz zu den Zwergen waren die Erbauer dieser Gänge sehr sorgsam organisiert gewesen und so fanden Knarrkon und Ruttgon an jeder Kreuzung kleine, schicke Schilder, von denen stets eins lautete: ‚Weg zu dem Verant­wortlichen für den Tunnelbau, der Knarr­kons und Ruttgons Höhle einstürzen ließ‘.

Nachdem die beiden dem letzten Schild gefolgt waren, standen sie vor einer riesigen Tür aus wunderschönem Kirschholz. Ob sie dort auf die Zwerge stoßen würden? Knarrkon öffnete die Tür.

Der Raum dahinter war groß, dunkel und warm. Ein knis­terndes Kaminfeuer warf bewegtes Licht auf alles, was sich darin befand. Direkt vor dem Kamin stand ein Tisch, aus demselben Holz wie die Tür. Einige aufgerissene Brief­umschläge und Zettel lagen darauf.

Knarrkon nahm ein paar davon und las sie laut vor: „Ich wünsche mir ein Pferd. Ich wünsche mir einen Computer. Ich wünsche mir ein Fahrrad.“ Er sah Ruttgon mit funkeln­dem Blick an. „Dieser Zwerg wünscht sich aber ganz schön viel!“ Kichernd nahm er sich die Feder vom Tisch und tauchte sie in das kleine Tintenfässchen, dann griff er sich die Zettel, strich die Worte ‚Pferd‘, ‚Computer‘ und ‚Fahr­rad‘ durch und schrieb stattdessen die Worte ‚Gurke‘, ‚3‘ und ‚gelb‘ darüber. Zufrieden legte er Feder und Zettel zurück.

Ruttgon hatte währenddessen einen schweren, dunklen Schrank geöffnet und begonnen, recht wahllos Kleidung daraus hervorzuziehen. Er hatte sich eine elegante, eng anliegende Mütze mit zwei großen, runden Löchern für die Ohren herausgesucht und aufgesetzt. Gerade als Knarrkon zu ihm kam, zog er sich eine übergroße, rote Hose an. Knarrkon suchte sich einen riesigen roten Mantel heraus, der an den Enden mit weißer Wolle verziert war.

„Schick.“

Ruttgon lachte: „Du siehst aus wie der Weihnachtsmann!“

Knarrkon brummte zustimmend. „Kennst du das Lied ‚Santa Baby‘?“, fragte er.

Ruttgon nickte.

„Das singen sexy Menschenfrauen und sexy Menschen­män­ner.“

„Aha.“

„Und ich denke mir dann immer“, Knarrkon hielt kurz inne, „ich denke mir dann immer: Wenn ich Santa wäre und da käme ein sexy Mensch und würde singen: ‚Santa Baby ...‘ Weißt du, was ich da machen würde?“

„Was würdest du machen?“

„Ich würde dem sexy Menschen voll eine ins Gesicht don­nern!“

„Krass.“

„Ich meine, Santa ist unendlich viele Jahre alt. Und dann kommt da so ein Mensch und nennt Santa ein Baby. Das ist doch Mist.“

Ruttgon nickte nachdenklich. „Ich glaube, der Zwerg, der hier lebt, würde genauso handeln; so weihnachtlich wie er hier alles eingerichtet hat.“

Knarrkon hob eine große, rote Mütze hoch und sah Rutt­gon freudig an, „wollen wir uns etwas vom Weihnachts­schmuck mitnehmen? Das ist uns dieser Zwerg ja wohl schuldig!“

Knarrkon und Ruttgon saßen an einem kleinen, runden Tisch aus dunkelbraunem Holz, tranken Tee und kauten mit ausladenden, aber keinesfalls knirschenden Bewegun­gen die süßen Mandelplätzchen.

„Nun“, sagte Knarrkon, „diese Plätzchen sind nicht mehr knackig.“

„Ja, ich musste feststellen, lieber kackig als knackig!“, er­widerte Ruttgon und verschluckte sich, so sehr lachte er über seinen eigenen Witz.

Knarrkon grunzte anerkennend, „lustig“, und gluckste drei­mal vor Freude.

Als die beiden sich wieder beruhigt hatten, rieb sich Knarr­kon nachdenklich das Kinn. „Das ist also Weihnachten“, stellte er fest, „hm.“

Ruttgon rieb sich auch sein Kinn, „hm.“

„Ich glaube ich verstehe, was so magisch an Weihnachten ist“, murmelte Knarrkon und sah sich um.

Der Tisch, an dem die beiden saßen, war sonst der Mittel­punkt der glitzernden Höhle, die sie ihr Zuhause nannten. Doch heute hatten sie ihn durch den Gang getragen, bis zu dem Ausgang ihrer Höhle. Sie hatten ihn unter einen der einzelnen Bäume gestellt, die auf dieser Höhe des Gebirges noch wuchsen, hatten an die Äste etwas des Weihnachts­schmuckes gehangen, eine Plane gegen Regen und Schnee gespannt und ein kleines Feuer gemacht.

Ruttgon nahm eine dampfende Kanne, die sie über das Feuer gehangen hatten und brachte sie zum Tisch.

„Durst?“, fragte er Knarrkon, der lächelte und nickte, „Durst.“