Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)
veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook
eine Weihnachtsgeschichte.
Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.
Der Weihnachtswunsch
Gabi Selle-Drews und Miriam Kern
Die Kinder der Klasse 4c stürmten in ihren Raum. Draußen auf dem Schulhof war es noch dunkel und bitterkalt. Im Klassenzimmer herrschte wohlige Wärme und klares Licht. Es roch nach Tannengrün und an den Fenstern klebten bunte Häuser aus schwarzem Karton und farbigen Transparentpapieren.
Nun betrat auch Frau Siemer, die Lehrerin der 4c, die Klasse. „Guten Morgen Frau Siemer“, ertönte es fröhlich aus allen Kindermündern.
Frau Siemer war eine sehr nette Lehrerin.
„Heute ist also euer letzter Schultag vor den Weihnachtsferien“, begann Frau Siemer ihren Unterricht. „Vielleicht möchten einige von euch erzählen, was sie sich zu Weihnachten wünschen?“
Viele Arme schnellten in die Höhe, viele Wünsche wurden vorgetragen. Von Fahrrädern, PC-Spielen, Legobausätzen, weißen Einhörnern und Experimentierkästen wurde mit leuchtenden Augen erzählt.
Auch Leo meldete sich. „Ich wünsche mir Zeit mit meinen Eltern.“
Die anderen Kinder staunten mit offenen Mündern über Leos Wunsch.
„Und sonst nix?“, fragte Luise.
„Doch, vielleicht noch ein Spiel, das wir dann an den Feiertagen gemeinsam spielen können. Es muss kein teures Spiel sein. Mensch ärgere dich nicht zum Beispiel oder Elfer raus.“ Früher, als Oma und Opa noch lebten, hatten sie das oft gespielt, wenn er zu Besuch bei ihnen war. Im Sommer saßen sie dazu in der Gartenlaube und im Winter in der warmen, gemütlichen Wohnstube. Das war lange her, aber Leo konnte sich genau daran erinnern, wie wohlig und geborgen er sich dann damals gefühlt hatte.
Alle aus der Klasse wussten, dass Leos Eltern nicht gerade arm waren. Vielleicht waren sie sogar reich. Leos Eltern hatten ein großes Haus, einen großen Garten, sogar mit einem Swimmingpool.
Luise, Theo, Anna und Oskar hatten im Sommer oft nach der Schule bei Leo im Garten gespielt.
„Leo, du hast doch erzählt, dass du dir ein Notebook für Kinder wünschst“, stellte Oskar erstaunt Leo zur Rede.
„Ja, das habe ich, aber da wusste ich noch nicht, wie toll gemeinsame Zeit ist. Meine Mutter war zwei Wochen im Krankenhaus, Papa musste viel arbeiten und ich war sehr oft allein.“
„Was hatte deine Mutter denn, dass sie so lange im Krankenhaus liegen musste?“, fragte Luise besorgt. Sie war in der letzten Zeit so sehr mit sich und ihren Weihnachtswünschen beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht gemerkt hatte, wie still Leo in letzter Zeit war.
Theo, Oskar und Anna war es genauso ergangen.
„Mama hatte dolle Bauchschmerzen und sie musste operiert werden. Jetzt geht es ihr zum Glück schon viel besser und sie ist seit gestern wieder zu Hause. Sie braucht aber noch ganz viel Ruhe.“
Jetzt verstanden die Kinder, warum kein teures Weihnachtsgeschenk, kein Notebook mehr auf Leos Wunschzettel stand. Leo wünschte sich etwas, was man nicht für Geld kaufen konnte. Leo wünschte sich kostbare, unbezahlbare, gemeinsame Zeit an den Weihnachtstagen mit seinen Eltern.
Frau Siemer hatte seinen Wunsch sofort verstanden, aber sie mischte sich in das Gespräch unter den Kindern nicht ein.
Wie Leo und seine Eltern und wie die anderen Kinder aus der 4c Weihnachten verbrachten, das weiß ich nicht. Aber an diese Geschichte denke ich, wenn ich Weihnachten, das Fest der Liebe, mit meiner Familie feiere. Und ist nicht Zeit eines der größten Geschenke, welches wir jemandem machen können, und das nicht nur zum Weihnachtsfest?