Lesung im Literatur-Café

Leipziger Buchmesse 2017

 

Ein Bericht von der Tochter der Autorin: Bärl Hickmann

 

Heinrich Heine hat einst gesagt:

Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.

 

Zwei Tage hatte Mama nicht geschlafen. Vor Mitternacht war sie am Vorbereiten. Viertel 4 stand ich auf und wir waren aufgeregt, zumal wir nie zuvor auf der Leipziger-Buchmesse waren.

Mamas Auftritt vor einem neuen Publikum.

Die Reizüberflutungen lenkten uns wohl ab, denn wir vergaßen, Flyer und Bücher auszulegen im Literaturcafe. Die Messe wählte diesen Ort für Mama, die auch als Mitwirkende im Programmheft steht. Der Verlag hatte im vergangenen Jahr weitere 68 Autoren dazu bekommen. Und Mama bekam die Ehre, eine Lesung zu halten.

Mama hatte nicht geschlafen, der Kreislauf spielte nicht mit und eine Neuralgie, die sie seit 1 1/2 Jahren heimsucht, machte es nicht einfacher. Nun muss man sagen, dass der Begriff Übermensch angebracht ist. Schmerzen sieht man manchen an. Ma bleibt bei ihrem Humor. Sie hat Zweifel. Und ist voller Eleganz und Rationalität. Kann sich sofort in die Situation hineinversetzen und sich dem Moment anpassen. Zeit besitzt eine Eigendynamik. Ist das Dualismus?

Vortragen als würde nichts sein, obwohl etwas anderes im Inneren wühlt? Zuviel ist zuvor passiert und dann diese Wende.

 

Am Tag zuvor erfuhren wir, dass es eine unüberwindbare Zeitüberschneidung gab: 10 Uhr Einlass und 10 Uhr Lesung. Zum Glück wurde alles zu Mamas Gunsten geändert. Sagte ich Literaturcafé?

Der Titel bildete den roten und passenden Background zu Mamas Stil. Von einem eigenen Café träumt Mama stets, wo alle Sinne berührt werden. Warum sollte es nicht möglich sein? Kontakte sind essentiell. Das Mikro wurde für Mama eingerichtet.

 

Ich spürte, was sich in ihrem Innersten abspielte. Jedes ihrer Regungen transportiert sich bei mir. Ich fühle was sie fühlt. Nun muss man erwähnen, dass wir auf einem Messegelände waren.

Überall hausten die verschiedensten Geräusche umher, jeder übertönte den anderen, um zu werben, auditiv anziehend zu sein und zu wirken. Stand neben Stand. Ein Zug von Menschen. Ein buntes und enges, kulturelles, orchestrales Meer aus Zuschauern, Fantasten, Autoren, Musikern und überhaupt talentierten Leuten. Das, was ausgestellt wird, besitzt hohen Wert. Doch Geschubse und zu geschwinde mobile Kräfte verlagern in die Oberfläche des Seins. Man verliert durch die hohen Besuche den Überblick und die Stände gehen leicht unter. Es erinnert dann nicht mehr an ein Pantheon der Literatur oder Olymp der Bücher-Maniker, sondern an einen Markt hektischen Treibens.

 

Mama hat es hervorragend gemeistert, und dieser Tag wird sicherlich in ihrer Erinnerung bleiben.


Messebericht

Leipziger Buchmesse 2016

Rückblick auf die Leipziger Buchmesse 2016

Eindrücke der Autorin Christina Klose

 

Vier tolle Tage im Zeichen des Buches

Wer die Möglichkeit hat, die zweitgrößte Buchmesse in Deutschland zu besuchen, wird Tage brauchen, alle Eindrücke zu verarbeiten (und seine Füße zu kühlen!) Ich bin dabei …

 

Die Messe-Eröffnung fand am Mittwoch, 16. März 2016, im Gewandhaus statt, wo auch der mit 15.000 EUR dotierte „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ verliehen wurde. Er ging in diesem Jahr an den deutschen Historiker Heinrich August Winkler.

Er erhielt diesen Preis für seine monumentale bis an die Gegenwart heranreichende „Geschichte des Westens“ in vier Bänden und u.a. betonte: Werte kann nur der vertreten, der sich an sie hält.

 

Ich hatte die Freude, als Autorin für die erkrankte Geschäftsleitung unseren Verlag NOEL mit ihrem Stand H311 in Halle 2 repräsentieren zu dürfen.

Als ginge ich aufs Standesamt betrat ich mit Ehrfurcht am frühen Morgen die fast noch menschenleeren Hallen. Hier und da sah ich unterschiedlichste Menschen an ihren Ständen arbeiten, noch etwas richten, ankleben, umrücken und das Produkt so zur Schau stellen, dass die Ausstellung auf Erfolg hoffen lässt. Die Geschäftsführung hatte ihren Stand an einer Ecke, und das war großartig. Viele Menschen hatten von weitem die Möglichkeit, auf unsere schön ausgestellten Bücher zu schauen und mich als Ansprechpartnerin zu sehen.

Ich war neugierig: Was würde mir in diesem Bücher-Frühling besonders auffallen?

 

Eine Lautsprecherstimme begrüßte kurz vor 10 Uhr die Aussteller aufs herzlichste, wünschte viel Erfolg – und Punkt Zehn wurden die Besucher willkommen geheißen.

Wenige Minuten später hatte ich mein erstes Gespräch. Eine gehbehinderte ältere Dame im Rollstuhl, die ein Konzept über ihr so schweres Leben geschrieben und sich bescheiden bisher nicht getraut hatte, das einem Verlag vorzustellen und dessen Meinung einzuholen. Sie sah mich erwartungsfroh an und freute sich sehr, dass ich sie auch als Autorin ansprach und ihr Mut machen konnte.

Sie strahlte, nickte und nahm gern Informationen zu unserem Verlag mit. Mit herzlichem Dank ging sie weiter und sagte etwas entschuldigend: „Man hat ja nicht mehr so viel Zeit, und ganz umsonst will ich mein Leben nicht aufgeschrieben haben!“ Recht hat sie! Vielleicht sind wir schon bald Kolleginnen!

 

In den kommenden Tagen gab es so manches Gespräch in dieser Richtung. Es war schön zu sehen, wie manche Menschen langsam, zögernd, zu unserem Stand kamen, um dann nach einem Gespräch gut aufgeklärt über die Herstellung eines Buches, die Arbeit und Leistung des Verlag als soeben geborene und bestens motivierte künftige Autoren weiterzugehen …

Viele wollten „nur mal schauen“. Aber gern doch!

 

Mancher Jugendliche kam zu mir und fragte: „Wie wird man Autor?“ oder „Kann man mit Büchern viel Geld verdienen?“ Meine Antwort war in diesem Falle immer die gleiche:

„Wenn Dinge Freude machen, bringen sie nicht immer Geld! Das Schreiben hat Priorität. Die vielen Gedanken in schriftliche Form bringen: Das macht schon Spaß! Es ist ähnlich wie in einem „normalen“ Beruf: Ist man gut, kann es sich auch finanziell lohnen.

Und wenn ein guter Verlag Ihre geistigen Ergüsse in tolles Buch verwandelt - und Sie eines Tages Ihr Werk in der Hand halten, dann ist es Glück pur!“

 

In Halle 5 befand sich die LVZ-Arena. Dort kamen Autoren, Wissenschaftler, Philosophen aus aller Welt zu Wort. Beachtung fand besonders die Tatsache, dass in vielen Teilen der Welt Autoren, Journalisten, Übersetzer, Verleger, Buchhändler bei der Ausübung ihres Berufes behindert, gefoltert, mit Gefängnis oder gar Tod bedroht werden. Zu diesem Thema hatten am Vorabend bereits die Gäste während der Eröffnungsfeier im Gewandhaus ein Zeichen mit Plakaten und der Aufschrift: „Für das Wort und für die Freiheit“ gesetzt.

Ich zitiere dazu eine Aussage des Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich:

 „Die Vielzahl der Bücher und die nicht nachlassende Anziehungskraft von Literatur ist ein Gradmesser demokratischer Reife und gesellschaftlicher Teilhabe der Bürger.“

 

Integration und Zuwanderung waren Schwerpunkte auf der Messe. Mit dem Flüchten und Ankommen beschäftigten sich etwa 60 Lesungen und Diskussionsrunden. Viele Neuerscheinungen drehen sich auch um das Thema.

Wie mir ein Taxifahrer sagte, sei die große Halle 5 bis vor kurzem von etwa 4.000 Flüchtlingen belegt gewesen, die aber bis zur Messe-Eröffnung in „ordentliche“ Unterkünfte umziehen konnten. Kleinere Verlage hatten in dieser Halle auch ihr Zuhause zugewiesen bekommen! Man konnte dort auch Christoph Hein (Glückskind mit Vater), Howard Carpendale (Das ist meine Zeit. Aus dem Leben), Karen Duve (Macht) und Sahra Wagenknecht (Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus schützen) und auch Thea Dorn (mit ihrem Wissenschafts-Thriller und Sprachkunstwerk „Die Unglückseligen“) treffen.

Die Autoren entdecken ihr eigenes Leben! (wie Emanuel Carrère „Der Glaubenssucher“ oder auch Patti Smith „M Train“, die bei viel schwarzem Kaffee beschreibt, wohin ihre Gedanken fließen.)

 

Wer am Abend nicht müde war, zog in die Stadt zu „Leipzig liest“. Ob Baumarkt, Friseur oder Autohaus! Man kann überall lesen … und zuhören! Großartig ist es auch, einem neuen Krimihelden zu lauschen und dabei im Bettenhaus auf Matratzen, kuscheligen Teppichen und sonstigen gemütlichen Teilen entspannt zu liegen und zuzuhören!

 

Schade war: Manch einer musste auf den erhofften Stadtbummel verzichten, da das Hotelzimmer das Dreifache des sonst gängigen Preises verlangte … Was zu viel ist, ist zu viel!

 

Die neue Leipziger Messe fasziniert mich seit Jahren! Ich erfreue mich an den vielen jungen Leuten, die sich als Manga-Figuren verkleiden. Welche Mühe, welche Phantasie, welche Liebe zum Detail sind in einem Drachen oder in der Königin von Deutschland. Ab und zu habe ich mit einigen gesprochen, die zum Entspannen ihre Halle 1 verlassen hatten und bei uns vorbei bummelten. Fragte ich, woher sie diese großartige Verkleidung haben, war ich oft baff, wenn die Antwort kam: „Habe ich selbst gemacht!“

 

Ab und zu kam ein netter Autorenkollege und gab mir die Möglichkeit, den Stand zu verlassen und zu entspannen. Die Glashalle der Messe erstaunte mich diesmal wieder besonders. Menschenmassen vergnügten sich bei Speis und Trank und entspannten ihre müden Füße beim Genuss frischgepressten Orangensafts, einem Eis oder Bratkartoffeln mit Wiener Würstchen. Ja, für den Magen gab es da viel Leckeres zu kaufen. Ich holte mir für 2,30 EUR einen Espresso, hockte mich unter einen der vielen Bäume (unter dem Glasdach. Durch das die Sonne schien) und las die Namen derer, die in Kürze mit einem Buchpreis geehrt werden würden. In diesem Jahr war es der 74jährige Guntram Vesper, der über seinen kleinen Heimatort „Frohburg“ in Sachsen ein 1000 Seiten umfassendes Buch geschrieben und nie mit einem Preis gerechnet hatte. Als er den Blumenstrauß und großen Beifall erhielt, die Kameras der großen Medien auf ihn gerichtet waren, konnte er nur „Dankeschön“ sagen. Ich denke, ich sah ein paar Tränen!

 

Dann informierte ich mich über die Blogger! Das Wort begegnet einem nun doch öfters. Sie werden in der Literaturbranche immer wichtiger. Die Verlage haben die Hobby-Kritiker längst als Multiplikatoren entdeckt. Die Buchmesse reagierte darauf mit der ersten Bloggerkonferenz, die Blogger und Verlage zusammenbringen soll.

 

Kennen Sie „Wortakrobaten“? Na klar! Das Geschäft derer soll boomen. Sie füllen längst große Veranstaltungshallen. Jan Philipp Zymny ist der amtierende deutsche Meister! Man lernt nie aus!

 

7 von 20 Bestseller haben den Islam zum Thema. Es war gerätselt worden, was Menschen, die „Mein Kampf“ kaufen, sonst noch erwerben! Zu den Favoriten der Hitler-Leser gehört das Produkt: Bacisel-HK, Ergänzungsfuttermittel für Hunde und Katzen.

 

Die Bundesregierung war mit einem großen Stand – ganz in unserer Nähe – vertreten. Viele ergatterten eine große Tragetasche mit der Aufschrift „Von Frau Merkel“. Schade, ich habe keine bekommen … Stattdessen waren wichtige Stimmen aus Berlin da, um ihre Arbeit zu rechtfertigen.

 

So, das waren meine Eindrücke. Nun noch:

 

Messe in Zahlen:

Rund 2.250 Aussteller, 3.000 Autoren – 260.000 Besucher!

Zum 25. Mal „Leipzig liest“: An etwa 400 Orten (aus 25 Veranstaltungen vor 25 Jahren) sind inzwischen 3.000 Veranstaltungen geworden!

 

Es waren, wie oben gesagt: Vier großartige Tage in Leipzig – ich danke meinem Verlag für das Vertrauen und die Möglichkeit, so interessante Gespräche zu führen (die hoffentlich für NOEL erfolgreich sein werden).