Jeden Tag in der Vorweihnachtszeit (1. bis 24.12.2023)

veröffentlichen wir hier auf dieser Homepage und bei Facebook eine Weihnachtsgeschichte.

Die nachfolgende Geschichte wurde anlässlich eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs des NOEL-Verlages im Jahr 2019 im Siegerbuch veröffentlicht.

 

Omas Baum

 

Kaia Rose

 

Am Baum hängen immer noch Blätter. Dabei haben wir schon Mitte Dezember. Ganz braun sind sie zwar, aber das waren sie schon im August. Damals ist mir aufgefallen, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Seine Kollegen standen alle noch voll im Saft, als er beschloss, der Sache ein Ende zu machen. Ich dachte, mit dem geht es bergab. Dass er am längsten von allen durchhalten würde, hätte ich nie er­wartet.

Die braunen Blätter am Baum erinnern mich an die Zähne von der Oma. Die sind zwar nicht braun, aber voller grauer Flecken. Und rechts oben, weit genug vorne, dass man es sieht, wenn sie spricht oder lächelt, klafft eine große Zahn­lücke. Die Oma lächelt trotzdem. Sie sagt, es ist ihr egal. Wie kann es einem egal sein, wenn jeder glotzt, sobald du den Mund aufmachst? Aber dem Baum ist es schließlich auch egal, was die anderen von ihm denken.

Ob er seine Blätter abwerfen wird, wenn endlich der Schnee kommt? Wahrscheinlich nicht, trotzig wie er ist. Der lässt sich nichts sagen, auch nicht vom Schnee.

Die Oma liebt Schnee. Früher hat es viel öfter geschneit als heutzutage, sagt sie. Fast immer haben sie weiße Weihnach­ten gefeiert. Dabei hatten sie sonst wenig zu feiern. Aber Schnee gab es genug.

Früher war es überhaupt schöner, sagt die Oma. Da sind in der Weihnachtszeit noch die Engerl herumgeflogen. Zu sehen hat man sie auch damals schon selten bekommen, aber manchmal hat ein feiner Flügel ihre Wange gestreift. Dann wusste sie, dass gerade eines an ihr vorbeigeflogen ist, und hat ihm nachgewinkt. Denn die Engel sehen uns Menschen sicher besser als wir sie. Und wenn ihnen jemand winkt, freuen sie sich.

Ich muss oft an die Engel denken. Abends schaue ich aus dem Fenster hinaus in den Garten. Der Tannenbaum sieht so hübsch aus mit seiner Lichterkette. Ich mag auch das glitzerbunte Rentier in der Einfahrt, obwohl die Oma es nicht ausstehen kann. Es vertreibt die Engel, sagt sie. Damit hat sie vielleicht Recht. Mich streift nämlich nie ein Flügel. Obwohl ich es mir so sehr wünsche. Wenn mich niemand beobachtet, winke ich hinaus in den dunklen Gar­ten. Vielleicht fliegt ja doch gerade ein Engel vorüber und freut sich über meinen Gruß. Falls er mich sieht.

Ob die Engel verlernt haben, uns Menschen zu sehen? Viel­leicht sind wir für sie genauso unsichtbar geworden wie sie es für uns schon immer waren? Vielleicht ist das der Grund, warum sie uns nicht mehr besuchen. Dann wäre es kein Wunder, dass nie ein Flügel meine Wange streift. Dann gäbe es nur noch das Glitzerrentier. Irgendwie macht mich dieser Gedanke traurig, obwohl ich das Glitzerrentier sehen kann und die Engel nicht. Obwohl das Rentier so schön bunt leuchtet – man kann es sogar so einstellen, dass die Lämp­chen blinken – und die Engel nicht einmal meine Wange streifen. Eigentlich unfair von mir – dem Rentier gegenüber – diese Präferenz für Engel. Aber ich habe halt meinen eigenen Willen. Wie der Baum.

Du bist ein Dickschädel, sagt die Oma immer. Wenn ich sie dann frage, woher ich wohl meinen dicken Schädel habe, lacht sie. Und frech bist du auch noch! Aber ich sehe, dass sie sich freut. Manche Erwachsenen mögen es, wenn ich frech bin. Andere wieder gar nicht. Sie sind schwer zu durch­schauen, die Erwachsenen. Ob ich auch einmal so werde? Oder mache ich es wie der Baum und behalte einfach meine Blätter, egal ob es ihnen passt oder nicht? Die Oma sagt, ich darf nie das Kind in mir vergessen. Sogar wenn ich groß bin. Ich muss sie nicht fragen, ob in ihr auch ein Kind wohnt. Das sehe ich, wenn sie lacht. Trotz der Zahnlücke.

Heuer kann die Oma nicht mit uns Weihnachten feiern, sagt der Papa. Warum nicht, frage ich. Es geht ihr nicht gut, sie liegt ihm Krankenhaus. In einem Krankenhausbett kann ich mir die Oma gar nicht vorstellen. Wem erzählt sie dort Geschichten? Ich frage den Papa, ob der Oma jetzt alle Zähne ausfallen werden. Er legt seine Hand auf meine Schul­ter. Sie ist schon sehr alt, sagt er.

Darf ich kurz in den Garten, frage ich. Ich darf, wenn ich mich warm genug anziehe. Ich ziehe mich warm genug an und laufe hinunter. Wo die Steckdose ist, weiß ich. Der Papa hat mir streng verboten, sie anzurühren. Aber manch­mal muss man auch verbotene Dinge tun, sagt die Oma. Wenn es wichtig ist. Ich ziehe mit aller Kraft am Stecker. Das Rentier blinkt noch einmal kurz auf und erlischt. Finster ist es jetzt. Aber die Lichter am Tannenbaum leuchten noch immer. Die stören die Engel nicht.

Auf meinen Ärmel fällt eine Schneeflocke. Noch eine. Und noch eine. Bald ist meine Jacke von weißen Punkten über­sät. Ich schaue hinüber zu meinem Baum. Alle Blätter sind noch da. Ein feiner Hauch streift meine Wange. Ich denke an die Oma.