Unsere Weihnachts-Seite

Draußen schneit es schon den ganzen Tag.

Wie jedes Jahr sitzen Groß und Klein gemütlich beisammen, knacken Nüsse, probieren die selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen, die Großen trinken einen heißen Glühwein ... und lesen aus dem dicken Weihnachtsbuch Geschichten vor.

 

Unser Weihnachts-Programm

ISBN: 978-3-94280-2116

Autor: Christa Friedrich

Titel: Märchenhafte Nächte

Seiten: 88

 

Hardcover: 16,90 €


ISBN: 978-3-95493-2603

Autor: Ilena Grote

Titel: Eine Reise im Advent

Seiten: 133

 

Hardcover: 14,90 €

ISBN: 978-3-954930-00-5

Autor: Cornelia Geisler

Titel: Geschichten zur Weihnachtszeit

Seiten: 99

Taschenbuch: 14,90 €


ISBN: 978-3-942802-65-6

Autor: Christina Klose

Titel: Winterzauber - Geschichten für die stille Zeit

 

Seiten: 105

Taschenbuch: 14,90 €

ISBN: 978-3-95493-269-6

Autor: Cornelia Geister

Titel: Winterzauber

Seiten: 291

 

Gebundene Ausgabe




Unsere Weihnachtsgeschichte

 

SCHNEEFLÖCKCHEN

 oder

 „vom Salz und vom Wasser der Erde

 

Berlin 2020

 

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

 

Marion H. Johannknecht

 

Es war einmal eine kleine Schneeflocke, die wollte sich, als es Weihnachten wurde und alle Schneeflocken vom Himmel fielen, einfach nicht herabschütteln lassen. Immer wenn der heilige Petrus viele ihrer Schneeflockenschwestern zur Erde hinabschicken wollte, versteckte sie sich zwischen den Falten seines wallenden Gewandes. So gelang es ihr einige Male von Petrus unbemerkt zu bleiben. Schließlich aber entdeckte er sie doch und wollte nun zu gerne wissen, warum sie nicht, wie alle Schneeflocken zur Weihnachtszeit, zur Erde schneien wollte.

Vorsichtig hob der alte Petrus das kleine Schneeflöckchen von seinem Gewand empor und setzte es auf die Spitze seines langen Bartes. Ganz ängstlich schaute es in sein gütiges Gesicht – vor lauter Aufregung schimmerten seine Schneeflockenbäckchen silbern und rosa!

Klimper, klimper machten die langen silbrigen Wimpern, als es so ganz voller Ehrfurcht wagte, dem Petrus richtig in die Augen zu schauen.

,,Ich, ich habe solche Angst zur Erde zu schneien“, begann es stotternd zu erzählen, ,,weil, weil … weil ich doch genau weiß, dass ich dann sterben werde!“

„Aber warum glaubst du, dass du sterben wirst?“, unterbrach Petrus sie völlig erschrocken.

 

Schneeflöckchen war nun noch mehr aufgeregt, hüpfte ganz unruhig hin und her, während es fortfuhr zu erzählen: „Ja, weißt du, lieber Petrus, viele Schwestern und Freundinnen von mir sind schon gestorben! Weil … das passiert ganz einfach, wenn sie auf Straßen und Wege fallen! Denn nur wenige von uns haben das Glück, sich auf Bäumen und Zweigen niederzulassen und diese dann sanft zu umschließen.“ Und die kleine Schneeflocke fing an, bitterlich zu weinen …

„Ich bin doch so eine schöne Schneeflocke“, schluchzte es, ,,und ich hab’ solche Angst, vom Salz aufgefressen zu werden!“

„Vom Salz aufgefressen zu werden?“, wiederholte der alte Petrus kopfschüttelnd und völlig ungläubig.

„Ja, die Menschen streuen Salz auf ihre Straßen – ich weiß auch nicht warum, aber ich weiß, dass es uns auffrisst und dann bleibt nur noch Wasser von uns übrig, schmutziges Wasser am Straßenrand“, und die Tränchen flossen durch die langen Wimpern über die rosig silbrigen Bäckchen.

 

Petrus war ganz gerührt über das, was Schneeflöckchen da sagte. Verstohlen wischte auch er sich eine Träne von der Wange. Dann begann er vorsichtig und sehr lieb zu antworten. „Sieh mal, kleine Schneeflocke, sieh mal hinunter auf die Erde! Dort in einem der vielen Krankenhäuser liegt der kleine David. David war immer sehr stolz, dass er mit seinem neuen Fahrrad jeden Tag zur Schule fahren durfte. Gestern Morgen war es sehr kalt. Es hatte geschneit, und alles war gefroren, so wie das im Winter eben ist. Doch so früh am Morgen, als David zur Schule musste, war noch kein Schnee­pflug gefahren, der die Straßen geräumt hätte. Somit waren sie noch nicht gestreut und gefährlich glatt! David wusste das. Die Mutter hatte ihm immer gesagt, ,,gib’ gut acht David, sei stets vorsichtig, denn es ist sehr gefährlich, bei diesem Wetter mit dem Fahrrad unterwegs zu sein!“

 

Und doch geschah das Unglück.

Als David gerade mit seinem Rad in die Schulstraße einbiegen wollte, rutschte es weg und er landete mit einem heftigen Aufprall – fast unter einem Auto! Dem lieben Gott sei Dank hatte der Autofahrer gut aufgepasst, sodass nicht noch Schlimmeres geschah!

 

"Ja, liebes Schneeflöckchen, nun liegt der David mit einem gebrochenen Bein und etlichen Prellungen im Krankenhaus und kann am Heiligen Abend, wenn das Christkindlein kommt, nicht bei seinen Eltern und Geschwistern zu Hause sein. David ist darüber sehr, sehr traurig und weint sogar, weil er doch viel lieber bei seiner Familie daheim sein würde.“

 

Mit großen Äuglein hatte Schneeflöckchen fast andächtig zugehört. Petrus blickte es noch liebevoller an und sprach weiter: ,,Siehst du nun, kleine Schneeflocke, wie wichtig es ist, dass die Menschen Salz auf ihre Straßen streuen! Denn außer dem David würden sonst noch viel mehr Kinder oder auch Erwachsene ausrutschen und möglicherweise verunglücken. Und das wollen wir doch nicht, oder?“

„Nein, das will ich nicht“, schluchzte Schneeflöckchen, mit niedergeschlagenen Äuglein. ,,Ich wusste ja gar nicht, wie wichtig dieses Salz für die Menschen ist!“

„Aber“, sprach Petrus weiter, ,,ich will ein Einsehen mit Dir haben. Du weißt, dass Du eine Schneeflocke bist, wenn auch nur eine sehr kleine, und alle Schneeflocken schneien zur Weihnachtszeit auf die Erde herab! Auch dich darf ich da nicht ausschließen! Doch ich will versuchen, dich so hinabzuschütteln, dass du nicht auf eine Straße fällst. Wenn du dir ein wenig Mühe gibst, kannst du dich auf einem Baum niederlassen und vielleicht einen Menschen sehr glücklich machen.“

 

O ja, das wollte die kleine Schneeflocke und hatte nun keine Angst mehr, als der heilige Petrus sie mit vielen anderen Schneeflocken zur Erde schüttelte. Kalt war es Schneeflöckchen, sehr kalt, aber es freute sich mit seinen vielen Schwestern und Freundinnen, die lange Himmelsallee hinunterzuschneien.

Auf einer großen Tanne, die starke Zweige hatte, ließ es sich nieder und hielt sich gut fest.

Von der Tanne aus sah es in ein großes Haus mit vielen Fenstern und hellem Licht. In eines dieser Fenster konnte es direkt hineinschauen. Dort lag ein Junge mit einem verbundenen Bein in einem Bett!

Ja, das war das Krankenhaus, in dem der kleine David lag. Schneeflöckchen staunte und ihre rosig silbrigen, glühenden Schneeflockenbäckchen fingen vor lauter Freude an zu leuchten.

 

„Mama, schau doch mal, es schneit schon wieder“, hörte sie David rufen. „Mama, sieh doch nur, auf der großen Tanne, da funkelt eine Schneeflocke wie ein richtiger Stern!“

In seiner Begeisterung hatte er sich im Bett aufgesetzt und sah nur noch aus dem Fenster hinaus. Die Mutter lächelte, strich David übers Haar und freute sich, dass er nun nicht mehr so traurig war.

David konnte gar nicht genug bekommen! Immer wieder wollte er Schneeflöckchen sehen, die sich alle Mühe gab, um noch schöner zu glitzern und zu strahlen.

 „Siehst du David“, liebkoste ihn die Mutter ganz gerührt, ,,nun hast du heute, am Heiligen Abend, deinen eigenen Weihnachtsstern!“

 

David vergaß all seine Traurigkeit darüber, dass er nun nicht zu Hause sein würde, wenn das Christkind kam. Er hatte seine Schnee­flocke, die für ihn schimmerte als sei sie der Stern von Bethlehem.

 

Und Schneeflöckchen?

Auch das schien überglücklich zu sein, dass es nicht als Schnee auf eine Straße gefallen war. Es saß auf dem Zweig dieser starken Tanne und hatte David! Einen Freund auf der Erde, vor der sie sich im Himmel, mit all ihren Schneeflocken-Freundinnen, so sehr gefürchtet hatte.

 

David hatte bald einen Gips bekommen, mit dem sein gebro­chenes Bein belastbar wurde. Nun stand er mit seinen beiden Gehstützen am Fenster, hielt die eine ganz hoch, um sie Schnee­flöckchen zu zeigen. Fast wäre David dabei umgekippt, so viel erzählte und erzählte er. Was er sich zu Weihnachten alles gewünscht hatte, von seiner Schule und seinen Freunden, von Lisbeth, seiner kleinen Schwester! Auch davon, dass sie ihm manchmal auf die Nerven ging, weil sie einfach immer mit seinem großen Feuerwehrauto spielen wollte.

 

Schneeflöckchen hörte ihm ganz gespannt zu und leuchtete vor lauter Begeisterung. Je mehr Geschichten sie von David erfuhr, desto mehr glitzerten ihre Äuglein und ihre Wangen. Eine verzauberte kleine Schneeflocke im Wintersonnenlicht, das nun immer öfter durch die Tannen fiel.

 

Dann kam der Tag, an dem David entlassen wurde.

Der Doktor hatte ihm gesagt, er sei nun wieder so gesund, sodass er nach Hause zu seiner Familie dürfe! David freute sich riesig, gleich würde die Mutter kommen, um ihn abzuholen.

So schnell er konnte, wollte er es Schneeflöckchen erzählen!

 

Könnte man eine Schneeflocke umarmen? David hätte es am liebsten getan! Schneeflöckchen wusste gar nicht, was da gerade alles passierte, sie strahlte einfach vor lauter Aufregung und freute sich mit David!

Da war aber auf einmal noch ein Gefühl. Eines, das traurig macht und im Bauch und im Herzen so komisch wehtut. Abschied nehmen, bedeutete das wohl … Aber Schneeflöckchen wollte nicht traurig sein, es funkelte in all seinen Farben so gut es nur konnte.

Doch auf einmal liefen Tränchen über seine rosig silbrigen Bäckchen, als nämlich David am Fenster noch einmal winkte und ihm mit den Fingern ein Herz, auf die beschlagene Scheibe malte.

 

Das hieß wohl, auf Wiedersehen, kleine Schneeflocke!

Auf Wiedersehen, lieber David!

 

Es blieb in diesem Winter noch eine ganze Weile kalt und frostig, bis die Sonnenstrahlen schließlich wärmer und es auf einmal so seltsam nass auf den Tannenzweigen wurde.

 

Plitsch, platsch - plitsch … plitsch, platsch. Was tropfte da? Was sind das nur für Geräusche, dachte Schneeflöckchen. Es fragte eine große, dicke Schneeflocke, die immer neben ihm gesessen hatte und auf einmal immer kleiner wurde. „Wir tauen, kleine Schneeflocke, die Sonne erwärmt uns und wir werden zu Wasser!“

„Aber warum denn? Was ist denn das … tauen? Müssen wir jetzt etwa doch sterben?“, fragte Schneeflöckchen völlig entsetzt. Es spürte wieder diese komische Angst, die es im Himmel hatte, als es so gar nicht auf die Erde schneien wollte.

„Hab’ keine Angst“, beruhigte ihn seine Schneeflocken Freundin besonders lieb. „Träume etwas Schönes und halte dich einfach ganz gut an mir fest! Wir Schneeflocken sind aus vielen Eiskris­tallen, und wenn es im Frühling warm wird, wird es auch uns warm und so verwandeln wir uns von Schnee in Wasser. Dieses Wasser braucht die große Tanne, der Boden darunter, das Moos und all die Blumen, Bäume und Pflanzen, die ohne Wasser nicht leben könnten.“

 

Und so kuschelten sich zwei Schneeflocken aneinander, schlossen die Äuglein, träumten ihren schönsten Traum und ließen sich von der Sonne erwärmen. Ganz langsam, fast liebevoll behutsam, tropften sie als Tauwasser von der großen Tanne herab.

 

Überall hörte man die Vöglein zwitschern, als nur wenige Tage später die ersten Frühlingsblumen ihre Köpfchen aus der Erde streckten. Weiße und gelbe Krokusse schauten fröhlich aus ihren grünen Blättern hervor. Buschwindröschen wuchsen auf dem weichen Moos und breiteten sich aus, wie ein großer, weißer Teppich. Mittendrin jedoch schien eine Blume die allerschönste sein zu wollen! Mit leuchtenden, silbrig, rosafarben schimmernden und schneeweißen Blütenblättchen wuchs sie genau an der Stelle, an der unser Schneeflöckchen hinabgetropft war.

 

… und war es ein Wunder, das sie den ganzen Frühling lang blühte?!