Zoltan Tamas Prockl

Curriculum vitae oder wie ich zum Schreiben kam

 

 

 

Achtundzwanzigster Mai Neunzehnhundertachtundfünfzig. Ein Tag wie jeder andere. Niemand verbindet etwas Besonderes mit ihm. Weder ein Weltkrieg, noch der Weltfrieden begann an diesem Tag. Auch in den dicken Geschichtschroniken findet sich kein Eintrag, deshalb bin ich gezwungen, selbst den Schleier des Nebels zu lüften – selbst ist der Herr. Der geschätzte Leser wird es schon vermuten, dass der Verfasser dieser Zeilen, das heißt ich selbst, an diesem Tag in Ungarn zur Welt kam. Das geschah vor so langer Zeit, dass ich den Ort und das genaue Datum nur aus Berichten anderer kenne.

 

 

 

Als Kind habe ich alleine viel nachgedacht, doch fiel mir nichts ein, was der Erinnerung wert wäre. Als ich 12 Jahre alt war, dachte niemand, in dem kleinen Jungen könnte irgendeine besondere Fähigkeit stecken. Diese Meinung wurde noch dadurch bestätigt, dass ich die Schule mit durchschnittlichen Noten abschloß. Um mir meine Berufswahl zu erleichtern, fragte mich meine Großmutter, was ich einmal werden möchte. Worauf ich sagte: - Schriftsteller. Ob dieser Antwort verfiel die Arme in tiefe Zweifel, da sie keinerlei Talent in mir sah. Wahrscheinlich hatte sie Recht, doch ich probierte es weiter: - Dann eben Journalist. Jetzt war sie völlig entsetzt und versuchte, mir dies endgültig auszureden. - Journalisten müssen sehr viel lernen. Werde lieber Arzt. (Als ob man dafür nichts lernen müsste). Das schien mir eine furchtbare Aussicht, da ich vor Spritzen, weißen Kitteln und Blut schreckliche Angst hatte. Ich traute mich auch nicht, weiteren Widerstand zu leisten, um nicht noch ein schlimmeres Angebot zu bekommen. So wurde ich Ingenieur. Meine jahrzehntelangen technischen Bemühungen wurden jedoch von der Zeit nicht gewürdigt, für meine Innovationen bekam ich keinen Nobel Preis.

 

 

 

Eine meiner vielen Schwächen begleitete mich mein Leben lang: ich kann mir alltägliche Dinge nur schwer merken. Wenn ich also etwas wissen will, muss ich es immer von neuem erfinden. So begann ich notgedrungen, kreativ zu denken. Wenn ich eine kleine Idee habe, schreibe ich sie auch heute noch auf einen kleinen Zettel und lege den in die Schreibtischschublade. Im reiferen Alter – jetzt über fünfzig – wurde ein Bekannter nun Zeuge so einer Aktion und fragte mich, welches Geheimnis der kleine Zettel denn berge, den ich gerade in der Schublade verschwinden ließ. Ich sagte ihm, er enthalte nur kleine Ideen, nichts Besonderes, doch gebe ich bis heute den Plan nicht auf, aus diesen Notizen einmal ein Buch zu schreiben. Darauf sagte er:

 

 

 

- Einem Mann über fünfzig kann alles Mögliche zustoßen. Schlaganfall, Herzinfarkt oder einfach nur die Straßenbahn, die ihn überfährt. Dann kommen die Erben. Sie ziehen an den Schubladen des Schreibtischs. Suchen das Geld und das Testament, finden aber nichts. Stattdessen kommen nur diese Zettel, diese unverständlichen Krakeleien zum Vorschein. Na, diese wertlosen Fetzen werden sie als erstes in den Papierkorb werfen.

 

 

 

Darüber habe ich lange ernsthaft nachgedacht und traurig festgestellt, wie Recht er doch hat. Wenn ich verhindern will, dass meine weltverändernden Gedanken verfallen, dann gibt es keinen Aufschub mehr. Trotz meiner Faulheit machte ich mich ergrauten Hauptes daran, die Zettel aufzuarbeiten und mein erstes Buch zu schreiben. So kam ich aus Torschlusspanik zum Schreiben. Vielleicht besser spät, als nie.

 

ISBN: 978-3-95493-019-7

Autor: Zoltan Tamas Prockl

Titel: Die Seelenwanderung des Mannes

Seiten: 189

Gebundene Ausgabe

Die Seelenwanderung des Mannes

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